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„Gesteine sind ein elementarer Baustein meiner Arbeit, gestalterisch, wie auch kulturtechnisch.“

GRÜNES BLUT trifft den Naturkundler, Gärtnermeister und Fachautoren Sven Nürnberger vor einem seiner Vorträge, im Palmengarten Frankfurt. Wir sprechen über seine Arbeit im Steingarten des Palmengartens und seine Haltung zur Weitergabe von Fachwissen.

 


 

Nach einem Vorgespräch am Telefon wurde schnell klar: Aus dem Treffen mit Sven Nürnberger mussten zwei Interviews werden! Neben seinen Reisen an die Naturstandorte botanischer Raritäten war sein Schaffen im Palmengarten Frankfurt zu bedeutsam für die Umsetzung seiner, auf den Reisen erworbenen, Kenntnisse. Wesentliche Aspekte des „Wozu diese Reisen?“ außer Acht zu lassen, erschien mir lückenhaft. Umso mehr freute ich mich, dass Sven meinen Vorschlag zu einem zweiten Interview, begeistert aufnahm.

GB: Lieber Sven, ich falle mit der Tür ins Haus: Inwieweit hängt das Reisen mit deiner Tätigkeit vor Ort zusammen?

SN: Zum einen muss ich, um bestimmte Pflanzenthemen bedienen zu können, natürlich Know-how aufbauen. Das heißt, ich muss wissen, welche Bedingungen und Ansprüche die Pflanzen an den Standort stellen, um es dementsprechend auf unser Klima in Frankfurt zu beziehen. Zum anderen ist für mich die Nachempfindung vom Vegetationsbild oder von einer bestimmten Pflanzengesellschaft eine ganz wichtige Sache. Da ist es ein Vorteil, die Pflanzen am Naturstandort mal gesehen zu haben. Das ist natürlich nicht zwingend notwendig. Anhand von Büchern, Berichten und Vorträgen kann man sich durchaus ein Bild machen. Aber vom Prinzip her ist es, zumindest für mich persönlich, eine ganz wichtige Ergänzung und es schließt für mich Wissenslücken.

Der Gärtnerberuf ist ein Lernfeld, das nicht aufhört.

GB: Es hilft vermutlich auch, wenn man diese Reisen erlebt, die Natur sieht und spürt, um sich Dinge auch ganz praktisch merken zu können, oder?

SN: Genau, das ist, glaube ich, auch ganz entscheidend. Durch die Reisen verinnerlicht man das einfach mehr. Aber das ist sicherlich auch eine Typ-Sache. Das Reisen gibt mir ein Gefühl für die Gesamteinflüsse des Standortes und die mögliche Interpretation im Garten.

GB: Was macht für dich ganz allgemein die Faszination des Gärtnerberufs aus? Kannst du das für dich in drei oder vier prägnanten Sätzen zusammenfassen?

SN: Der Gärtnerberuf ist ein Lernfeld, das nicht aufhört. Man bekommt stetig neue Inspirationen und kann mit den unterschiedlichsten Pflanzengruppen arbeiten. Bei mir sind das beruflich die Freilandpflanzen und hier insbesondere die Stauden, mit denen ich mich intensiv auseinandersetze. Zudem ist die Arbeit mit Lebewesen eine fantastische Sache, denn da ist eine gewisse Verbundenheit, die ich spüre. Aber ebenso mit der sogenannten unbelebten Natur, bilden doch die Gesteine den Grundstock für den Boden, der dann durch die Organismen belebt wird. Gesteine sind ein elementarer Baustein meiner Arbeit, gestalterisch, wie auch kulturtechnisch. Außerdem begeistert mich die interessierte, internationale Gärtnerschaft, die sich vernetzt und austauscht; der Spaß, gemeinsam diese Freude an den Pflanzen zu teilen. In der Regel sind das Menschen, die zwischen beruflichem und privatem Pflanzeninteresse keine Grenze ziehen, sondern ihre Passion und Neugier jederzeit nähren.

Südosthang des Steingartens mit Libertia, Trachystemon und Dysosma.

GB: Was ist für dich das Besondere an deinem Arbeitsplatz, dem Palmengarten?

SN: Der Palmengarten ist für mich ein Schmelztiegel unterschiedlicher Disziplinen, sowohl vom historischen Hintergrund als auch vom aktuellen Sortiment. Ein Spannungsfeld verschiedener Stilrichtungen und umfangreicher wissenschaftlicher Sammlungsaspekte. Die Möglichkeit, mit großräumigen Arealen zu arbeiten, Konzepte zu entwickeln und die Ergebnisse zu pflegen und zu optimieren, macht einen großen Reiz aus. Der Palmengarten verkörpert den pflanzensoziologisch ausgerichteten Botanischen Garten (Sammlungen, Pflanzengeografie) und wartet aufgrund der ornamentalen Idee Heinrich Siesmayers ebenso mit Schau- und Schmuckgärten auf. Mich reizt diese ganzheitliche Herangehensweise, die Möglichkeiten der beruflichen Entfaltung und auch die Öffentlichkeitsarbeit und der Bildungsauftrag, die mit der Arbeit im Palmengarten verbunden sind. 

Die aktuellen Schotterfelder vieler Vorgärten verkörpern jedoch eine extreme Abwendung von der Natur und von der Gartenarbeit.

GB: Ein großer Bereich deines Arbeitsfeldes im Palmengarten ist der Steingarten mit integrierter Grotte. Steingarten als Begrifflichkeit wird ja momentan für diverse Vorgartengestaltungen verwendet. Missverständlich ist das. Was genau ist ein echter Steingarten und wie grenzt er sich vom Spaltengarten, den ihr auch habt, und vom Alpinum ab?

SN: Prinzipiell bieten Vorgärten ein hervorragendes Medium für die Anlage eines Steingartens, da sich mit kleinen Pflanzen und Felsinseln kleine Flächen ideal gestalten lassen. Die aktuellen Schotterfelder vieler Vorgärten verkörpern jedoch eine extreme Abwendung von der Natur und von der Gartenarbeit. Greift man den minimalistischen Aspekt auf, so könnte man durchaus attraktive und pflegearme Szenerien gestalten, die z. B. einer alpinen Schutthalde oder einem Moränenfeld nahekommen.
Die Pflanzenkombinationen dieser vliesunterfütterten Halden sind aber selten auf den Lebensraum abgestimmt und werden mit zum Teil fragwürdigen Kombinationen versehen. Doch nun zu deiner Frage: Das Alpinum thematisiert die Vegetation oberhalb der Waldgrenze bzw. auch offener borealer Bereiche, z. B. Fels-, Schutt-, Rasen- und Bachlaufgesellschaften der gemäßigten Klimazonen, 
sowie auch Moor und Krummholz, der gemäßigten Klimazonen und mediterraner Hochgebirge. Ein Steingarten kann grundsätzlich auch andere Klimabereiche thematisieren oder integrieren, die gesteinsbetont sind, beispielsweise Felsheideaspekte der Mediterranflora, Steppenelemente, sowie Miniaturpflanzen, Einjährige und Kulturhybriden. Man hat also im Grunde mehr Spielräume als bei einem Alpinum. Und ein Spaltengarten ist eigentlich ein Aspekt des Steingartens oder eines Alpinums; eine Simulation einer Felswand, die praktisch erodiert, aufbricht und in der sich die Pflanzen in dieser Vertikale ihren Lebensraum suchen. D.h. ein Steingarten kann im Grunde einen Felsspaltengarten und ein Alpinum integrieren. Aber ein Felsenspaltengarten oder ein Steingarten ist nicht immer gleich auch ein Alpinum. Felsspalten gibt es ja auch in thermophilen mediterranen Regionen, im Rheintal oder im tropischen Brasilien. Im tropischen Amerika werden dann die Felswände z. B. von Bromelien, Plumerien und Kakteen besiedelt. Dass eine tropische Felswand ebenfalls simuliert werden kann, zeigt der Botanische Garten Osnabrück. Dort wurde das Tropenhaus an eine Steinbruchwand gesetzt.

Libertia cf. chilensis

GB: Ist das für dich der Reiz eines Steingartens, das gärtnerisch Mögliche auszuloten?

SN: Ja, schon. Es ist natürlich auch immer ein Grundinteresse an bestimmten Pflanzengruppen. Im Steingarten des Palmengartens etablierte Ursula McHardy in den 80-er Jahren das Thema Südhemisphäre. Sie hat den Steingarten bei der Neugestaltung ’85-’87 in Themenfelder auf unterschiedlichen Gesteinsarten eingeteilt. Kultivare und geografische Vermischungen waren damals miteingeplant. Stilistisch ist sie bei der Planung auch explizit auf die historischen und zeitgenössischen Bedürfnisse des Palmengartens eingegangen. In ihrem Garten in Crombie nahe Edinburgh konzentrierte sie sich hingegen auf die Simulation von südhemisphärischen Vegetationsbildern und realisierte dort die gestalterische und ökologische Umsetzung ihrer langjährigen Beobachtungen der Naturstandorte. Sie verließ den Palmengarten Mitte der 90er Jahre. Im Jahre 2011 trat ich ihr Erbe im Steingarten an und begann mit der Überarbeitung der Areale, die über einige Jahre gewissermaßen in einen Dornröschenschlaf gefallen waren. Bei meiner aktuellen Arbeit bin ich damit befasst, den Sammlungsaspekt der südhemisphärischen Pflanzen auszubauen und geografisch zu konzentrieren, aber auch insgesamt den Steingarten mit seinen Lebensbereichen ökologisch, wie auch geografisch homogener und komplexer miteinander zu verbinden. Es ist gleichermaßen eine Überarbeitung und konzeptionelle Neuausrichtung, die aber letztlich auf einer konsequenten Fortsetzung und Integration der Pionierarbeit Ursula McHardy`s basiert, die mit dem Steingarten des Palmengartens ein ausgesprochen ästhetisches, integratives und den Lebensbereichen Respekt zollendes Medium entwickelte, mit dem ich nun arbeiten darf. Ein großes Geschenk! Es bietet mir praktisch das Gerüst, das sich je nach gewünschter wissenschaftlicher Ausrichtung individuell anpassen lässt. Aufgrund der klimatisch günstigen Situation, wir liegen in der Winterhärtezone 8a, haben wir gute Bedingungen für exotische Pflanzengruppen, sowohl für südhemisphärische, als auch für asiatische Monsunpflanzen. Eine wichtige Aufgabe ist es derzeit, auf die spürbaren Klimaveränderungen mit der entsprechenden Pflanzenwahl zu reagieren. Vieles, was in der Vergangenheit noch möglich war, wird durch heftige Hitzeperioden limitiert, wiederum versamen sich heutzutage Pflanzengruppen, wie Dierama, Cortaderia und Watsonia im Palmengarten selbst.

Blick auf den nördlichen Steingarten mit Tussock-Gesellschaft und Gunnera tinctoria.

GB: Der Winterschutz im Steingarten recht aufwendig – zumindest auf dem Level, auf dem ihr es hier im Palmengarten betreibt …

SN: Ich würde fast sagen, dass wir in Frankfurt mehr Winterschutzmaßnahmen durchführen müssen, als es in Gärten mit geregelt hoher Schneedecke und kühleren Sommertemperaturen der Fall ist. In einigen Alpengärten, um 2000 m Höhe, lassen sich bestimmte Pflanzengruppen unproblematischer ziehen, beispielsweise Alpine aus Chile, Argentinien oder auch Neuseeland. Starke Temperaturgefälle während der Vegetationszeit, Spätfröste, maximale Tiefsttemperaturen und die kurze Vegetationszeit setzen hier bedingt winterharten Pflanzengruppen hingegen erhebliche Grenzen, so dass sich wir im Palmengarten mit solchen Pflanzengruppen wiederum experimentieren können. Bei uns kommt es trotz überwiegend milder Winterverhältnisse aber zu Barfrost und dann ist es auch oft winternass. Bei Barfrösten sind ein Vliesschutz oder eine Laubschütte dann durchaus eine sinnvolle Sache. In der Sortimentsausrichtung ist man natürlich gefordert, das Ganze so auszubalancieren, dass man sich im Winter nicht nur mit dem Winterschutz zu befassen hat. Da muss man zwischen extensiv und intensiv zu betreuenden Pflanzungen ein Gleichgewicht finden, das ist ganz klar. Auch die Testung der maximalen Winterhärte ist ein wichtiger Part, vorausgesetzt man hat genügend Pflanzenmaterial.

GB: Vermehrt ihr eure Pflanzen für das Alpinum selbst oder bezieht ihr viel von außerhalb. Du sprachst ja im ersten Teil unseres Interviews bereits von England als Bezugsquelle, was die Pflanzen des Alpinums anbetrifft.

SN: Einen guten Teil der Pflanzen ziehen wir selbst aus Samen oder vermehren vegetativ. Der Austausch von Pflanzenmaterial mit anderen Botanischen Gärten und Instituten steht da an erster Stelle. Wir kaufen aber auch zu, insbesondere wenn es um Kultivare für unsere Schauanlagen geht.

Ich denke, es ist ganz wichtig, dass man das, was man an Unterstützung und Inspiration erhalten hat, auch weitergibt.

GB: Du sprachst bereits von Ursula McHardy. Ihr habt zusammengearbeitet und ward miteinander befreundet. Welchen Einfluss hatte sie auf dich?

SN: Ursula war eine sehr offene Persönlichkeit, sie hatte die Gabe, von den Themen, die sie begeisterten, mit einer lebhaften Faszination zu berichten und das war regelrecht ansteckend. Sie freute sich über Menschen, die nach spannendem Input suchten und sich Neuem öffnen wollten. Sie empfing insbesondere auch die jüngere Generation mit offenen Armen und förderte diejenigen, die was wissen wollten. Sie hat mich mit ihren Vorträgen besonders fasziniert, weil sie inhaltlich lebendig waren, immer ein Stück weit anders und sie ökologische, geologische und klimatische Zusammenhänge ausgesprochen gut erklären konnte. Das hatte sie einfach verinnerlicht. Während meiner Lehrzeit durfte ich 3 Monate im Steingarten mitarbeiten und da lernten wir uns kennen. Mit den Jahren entwickelte sich über das gemeinsame Pflanzeninteresse eine wichtige Freundschaft.
Mich hat besonders ihr analytischer Forschergeist fasziniert. Sie verband als Biologin Theorie und gärtnerische Praxis par ecellence, war Sammlerin, Kultivateurin und Gestalterin in einem. 

GB: Wie hat Ursula McHardy dich gärtnerisch beeinflusst?

SN: Mich mit der südlichen Hemisphäre auseinanderzusetzen, wurde von ihr angeregt und unterstützt. Ich lernte außerdem von ihr den Blick auf den Naturstandort einer Pflanze zu richten, um ihre Ansprüchen zu verstehen, letztlich auch die damit verbundene Recherche, um sich auf eine botanische Exkursion vorzubereiten. Sie fühlte sich nicht als Mentorin. Sie gab ihr Wissen authentisch und mit einem großen Selbstverständnis weiter. Ein prägender Satz zu diesem Thema war: „Das warst du! Du wolltest Wissen!”
Diese Erfahrung, dass man offene Türen hat, wenn man lernen und sich ausprobieren möchte, gehört zu den wichtigsten Schätzen in meinem Leben. Während meiner gärtnerischen Laufbahn traf ich auf viele Menschen, die diese Mentalität teilen. Ich denke, es ist ganz wichtig, dass man das, was man an Unterstützung und Inspiration erhalten hat, auch weitergibt.

Für diejenigen, die es waagerecht bevorzugen ;): Androsace lactea.

GB: Ein wahrhaft schöner Ansatz, finde ich, zu sagen: Das warst du, du wolltest wissen!

SN: Ja. Das ist sicherlich ein wichtiger Punkt, um ein Selbstverständnis für sich zu entwickeln. Sein Wissen einfach zur Verfügung zu stellen, offen zu sein und sein Wissen nicht zurückzuhalten.

GB: Was war neben dem gemeinsamen Interesse euer gemeinsamer Nenner?

SN: Ursula hatte so eine kindliche Neugierde, von der wurde sie magisch getrieben und die spüre ich eben auch. Wenn man dann mit ähnlichen Ideen aufeinandertrifft, entwickelt sich einfach eine Verbindung. In den gärtnerischen Anfangsjahren waren die Besuche mit einem Freund im Garten McHardy eine wichtige Orientierung. Wir erhielten Pflanzenmaterial, um uns daran auszuprobieren und zu experimentieren, man entdeckte dabei seine Lieblingspflanzen. Irgendwann wurde man auch ein Stück weit unabhängiger und hat selbst Erkenntnisse gewinnen können. Eines Tages war der Austausch so, dass man auch fachlich zurückgeben konnte. Man hat sich wirklich ausgetauscht und das war eine sehr schöne Entwicklung.

Ich hatte so viel Material mit dem ich mich  befasste und das ich gerne mal beleuchten wollte.

GB: Welchen Stellenwert hat das Schreiben unter dem Gesichtspunkt der Wissensweitergabe, aber auch Wissensaneignung für dich?

SN: Auf das Schreiben generell hat mich im Grunde ein großväterlicher Freund in meiner Kindheit und Jugend gebracht. Als ich noch mit Fossilien und Mineralien befasst war, da hatte ich auf einer Tour mit meinem Realschullehrer und verschiedenen Schülern eine tolle Begegnung mit einem Achate- und Fossiliensammler, der in der Region um Kreuznach gesammelt hat. Er war sowohl musisch, als auch naturwissenschaftlich orientiert. Von Haus aus Chemiker hat er so vieles angeregt, das ich nach und nach aufgegriffen habe. Er mochte diese Schüttelreime und war sehr von Goethe und anderen Dichtern angetan. Er hat das großväterlich an mich weitergegeben und so habe ich begonnen, selbst Gedichte und Phrasen für mich zu schreiben. Als ich bei den Staudenfreunden bereits länger Mitglied war, kam irgendwann die Idee auf, man könne ja eigentlich mal einzelne Pflanzengruppen oder auch das ein oder andere Projekt, das man selbst im Garten durchgeführt hat, im „Staudengarten“  beleuchten. Ich habe drei Artikel für die Staudenfreunde geschrieben und dachte, das könne ich ja auch mal für die Gartenpraxis machen. Ich mochte die Zeitschrift und 2008 habe ich spontan nach der Falkland-Reise bei der GP angerufen und stieß auf Interesse.

GB:  … und zwar sowas von 🙂 Ich glaube 2009 oder 2010 blättert man durch und findet fast jeden Monat irgendein Pflanzenportrait von dir.

SN: Ja, das hat sich dann irgendwie so ergeben. Ich hatte so viel Material mit dem ich mich  befasste und das ich gerne mal beleuchten wollte. Es war eigentlich ein tiefer Wunsch, der sich Anfang 2002 geregt hat und etwas auf sich warten lassen musste, wie die Patagonien-Reise.

Metallisch glänzend: Delosperma ‚Fire Spinner‘.

GB: Ordnet die Arbeit an den Artikeln auch dein eigenes Wissen oder ist das alles für dich vorher schon total klar und du schreibst es einfach nochmal für ein breiteres Publikum zusammen?

SN: Da ist auch ganz viel langfristige, wie auch aktuelle Recherche dabei und ganz viel was man bei so einem Artikel dann selbst lernt. Das ist im Grunde nochmal das zusammenzufassen, womit man sich schon intensiv auseinandergesetzt hat oder für das man sich besonders interessiert, und dann lernt man noch während des Schreibens ganz viel Neues, z. B. die aktuelle Taxonomie einer Gattung etc.

GB: Also komplementiert es quasi dein eigenes Wissen?

SN: Genau. Das sind diese beiden Seiten. Sowohl die Freude daran, manche Themen zu beleuchten und Wissen weiter zu geben, als auch das Ganze nochmal zu verinnerlichen und zu reflektieren.

Dabei die eigene Begeisterung weiterzutragen und mit den Themen zum Ausprobieren anzuregen, ist mir dabei ein wichtiges Anliegen.

GB: Welche Bedeutung haben für dich deine Vorträge, wie der heutige über deine Patagonien-Reise?

SN: In dem heutigen Fall ist es so, dass ich die Reise selbst gerne veranschaulichen und diese Reisebegeisterung teilen möchte. Aber ich habe ansonsten schon einen Vortrags-Turnus und trage über das Jahr viele verschiedene Themen vor. Hinzu kommen Führungen. Dabei die eigene Begeisterung weiterzutragen und mit den Themen zum Ausprobieren anzuregen, ist mir ein wichtiges Anliegen. Das ist eigentlich ähnlich wie beim Schreiben auch: Ein Stück weit über die eigene Langzeiterfahrung berichten und das Ganze unter einem aktuellen Aspekt betrachten. Meist dauert ein Vortragsthema 2 bis 3 Jahre an und entwickelt sich dann weiter und verschachtelt sich in neue Vortragsrichtungen und dann kommt vielleicht wieder was ganz Neues oder mal eine Exkursion, die dann auf einmal im Vordergrund steht.

Sven am kleinen aber feinen Spaltengarten.

GB: Zielgerade, lieber Sven: Was ist der beste praktische Gärtnertipp, den du geben kannst, den man aber nur in wenigen Büchern findet?

SN: Ich finde es ganz, ganz wichtig zu beobachten. Beispielsweise welche Einflüsse begünstigen das Wachstum der Pflanzen, ob Düngeverfahren oder der Einfluss von Temperaturschwankungen, aber auch in der Natur den Standort zu beobachten. Dann bekomme ich für mich eine Idee, wie kann es der Pflanze auch in der Kultur gut gehen.

GB: Was ist dein liebstes Gartenwerkzeug?

SN: Mein liebstes Gartenwerkzeug? Ich würde sagen, die Pflanzkelle. Mit der mache ich sowohl die Pflanzarbeiten, als auch das Jäten der Beikräuter, außerdem favorisiere ich einen leichten Spaten mit schmalem Blatt. Damit kann man relativ filigran arbeiten, das ist mir sehr viel wert. Aber prinzipiell sind es meine Augen. Weil ich einfach dieses Beobachten pflege und gerne auch die Pflanzen aus verschiedenen Positionen, Himmelsrichtungen, von nah und von fern betrachte, um das Ganze in ein Gesamtbild du bringen.

GB: Lieber Sven, das war eine spannende Zeit mit dir als Gesprächspartner. Dankeschön dafür und auf bald!

 


 

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„What I really love about gardens, is that you create something that keeps growing and developing.“

GRÜNES BLUT met with the former Hessian Garden Director, Dr Bernd Modrow, in his garden on the island of Usedom, which has become his home after his retirement a few years ago.


It was through Dr. Modrow that my heart turned green. I was already quite in love with gardens when he became my first contact in the garden world. At that time, as former garden director of the Verwaltung staatlicher Schlösser und Gärten Hessen, he presented courses on garden design at the Goethe-Universität in Frankfurt am Main. He inspired me to pursue a qualification in horticulture, which I then did parallel to my other studies. This all happened ten years ago, so I was very excited that, after such a long time, he was still willing to participate in my „Grünes Blut“ project.
Before we start the interview, we decide to make use of the lovely autumn weather and take a walk through his garden. I have been quite curious about what a garden director would plan and lay out in his own garden. The basic principle he followed was to create the look of a landscape garden and to use his plantings as a backdrop which extend the 130m long x 30m wide plot of land.
As we walk through the garden, it becomes evident that Dr. Modrow attaches a high emotional value to the shrubs in his garden. He once impulsively bought 100 small box tree plants and transplanted them in a bed at the bottom of his garden.  His four mulberry trees were a gift from Dr. Michael Seiler, the former garden director of the Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten. The two pine trees next to his small, yet impressive, orangery, were rescued one winters day when he found them hanging by a few remaining roots from a Bansin cliff. In 2 different spots, alluding to the myth of Philemon and Baucis, he has planted an oak tree beside a linden tree. He expertly informs me on the growth progress of weeping willows, larch and pine trees and while he’s talking, I begin to realise I would love to still be marvelling at and appreciating such seemingly small things at his age.
We have our interview in the orangery, seated in front of the monumental wall, which Dr. Modrow jokingly refers to as „his memorial“. From here, he says, you have the best view of the garden.

GB: What has it been that has kept you fascinated in gardens – in theory and practice – through all your years in the field?

BM: (thinking it over) What I really love about gardens, is that you create something that keeps growing and developing. It’s not static, and I can influence or even predetermine the future development. Much of it does not, however, turn out exactly how I would have liked, but I always find it exciting, and often suspenseful, to wait and see how the garden, the plants and the plant community develop. It’s a very pleasing experience to follow this process, which I can do in my own garden now that I have the time. I’m constantly looking at my plants and checking whether they’re growing or not. Gardens are alive. They’re simply exciting.

GB: And do you also see a garden as an expression of a unique personality?

BM: Definitely! A garden and a gardener form a unit, a symbiosis. That’s why it was always important to me to see the gardener responsible for each garden staying involved with it for as long as possible to ensure a continuity over many years. If you only have a maintenance group rushing through the garden, mowing lawns and pruning hedges and so on, the garden will never develop its special personality or unique character.

I have learnt that one of the best ways and times to get to know a garden is by walking through it alone on a rainy winter morning …

GB: Do you mean by this that you need to have walked down a garden path five, ten or a hundred times before you could understand that area of the garden?

BM: Without a doubt. In order to understand a garden it’s important to know something about its history. But if you know absolutely nothing about it, you can hardly get a feel for the garden after one quick walk through it. You have to go down each path more often to experience the unique character. And, what’s more, your experience depends on the season and, of course, on the time of day. I have learnt that one of the best ways and times to get to know a garden is by walking through it alone on a rainy winter morning, with or without an umbrella. There are no leaves and you can see the structure of the whole garden. You don’t get distracted by noises or other people and you can look through everywhere. So: in the rain, in winter!

GB: Sounds inviting. Then now is the perfect time for a garden excursion.

BM: Yes, this is how I got to know Park Schönbusch in Aschaffenburg, for example. It was a day like this, when I was there on the first of May.

GB: When you started out as garden director in the early 1980s many of the facilities of the VSG (Verwaltung staatlicher Schlösser und Gärten Hessen – Hessian Palace and Garden Administration) were in a very rudimentary condition. What was the overall situation in the beginning?

BM: Rudimentary condition is probably not applicable. The public saw and used the historic gardens as „nice“ green spaces. What this implies, I will explain later. Dr. Hoffman was the previous garden director, but the position had been vacant for several years while the work was temporarily taken over by a staff member. Dieter Hennebo and Alfred Hoffmann , the garden design experts, were a highly valuable team. So, together with my research colleague who started out in the VSG a month before me, I had big shoes to fill. Due to the long vacancy, a few things had changed and this made everything a bit of an adventure. There was no office, the plans were somewhere on some heap and the files, records and other documents were kept in a state of some disorder. When we looked for documents about gardens, we were repeatedly told there was nothing available. As a result, we tried to find out more about the gardens and when we started working with the regional offices, we found that we could usually find something in the archives, even though everything had supposedly been destroyed by fire during the war.
We tackled the work systematically by creating and developing park preservation programmes. A plan room was built, enabling us to purposefully collect archived documents.

The Pond

GB: In what kind of state was the monument preservation when you started out in that office?

BM: When I started in the 1980s, we were looking back at more creative and inventive methods of monument preservation. The monastery gardens at Seligenstadt and the Prinz-Georg-Garten in Darmstadt, for example, had been laid out in a baroque style, which wasn’t really close to the original gardens.  This, we found out when we started systematically researching the history of the facilities, which we also did when we implemented new park preservation programmes. The scientific preservation of historic gardens (Gartendenkmalpflege) entails using what is still available on the site while also leaning on the systematic research and analysis of old plans, documentation and descriptions.

GB: So, did they try and transfer a baroque ideal onto a garden area or garden at that time?

BM: As far as the use of plants is concerned, you could say so. They also tried to incorporate historic plantings, but eventually ended up adding begonias and plants from the DIY store, because „the visitors wanted something nice and colourful“. Building on the experiences of that time in Schwetzingen, with its baroque parterre, and in Berlin, with its culture and presentation of old plants, our Gartendenkmalpflege developed to a stage where plants, belonging to the relevant time-period, could be cultivated and suitably presented.

GB: Was Gartendenkmalpflege still in its infancy after World War Two and was it only in your time that it developed into what we know it as today?

BM: Yes, exactly. Gartendenkmalpflege based on historic sources was a relatively new concept and during the 1970s and 1980s was practiced mainly in West Berlin. After German reunification, we were very impressed by the Gartendenkmalpflege of the former GDR. Their garden preservation work had been institutionalised for many years. The thing that amazed me most, was the amount of knowledge available in every Gartendenkmalpflege institute and in the garden administrations of the large parks. Aside from practitioners, they had researchers who worked exclusively on processing the history of the respective gardens. It was also very significant, for example in Bad Muskau, that new trees were planted in the same positions as old ones that were felled. I saw it as part of my task in the palace administration to get to know the theoretical history of each garden as soon as possible. How had the garden been established?  In what kind of state was society at the time it was laid out? How did it develop over time and what should it portray in future? Whatever I discovered, I tried to convey to the gardeners responsible for the respective locations.

GB: I seem to remember that they keep shoots of the individual trees in the Charlottenburg Palace garden for when a tree might die at some point ….

BM: … so that they would already have their own clones. We often tried this in Bad Homburg with the Lebanon cedars, but it never really worked. But we didn’t pursue it very intensively. We used to purchase our plants from nurseries and had our own nurseries in Kassel. We also had quarters for shrubs and perennials in the smaller parks.

It was my intention to establish these gardens, that were protected as monuments, as independent works of art in the eyes of the public.

GB: What do you see as the product of Gartendenkmalpflege? Why is it important?

BM: At the start of my involvement, historic gardens were seen by the community mostly as green spaces that might possibly be available when a new street needed to be built or as a new construction area. Or they were popular as event locations. There used to be an annual riding tournament in Biebrich, a park laid out by Friedrich Ludwig von Sckell. The organisers of this event assumed they could simply help themselves to this area. It was my intention to establish these gardens, that were protected as monuments, as independent works of art in the eyes of the public. And as such they were not just available for any arbitrary use.

GB: Today historic gardens are occasionally used as temporary exhibition spaces for sculptures. In your opinion, does this enhance or reduce the value of the garden as an artwork?

BM: You’re probably thinking of exhibitions such as those in the Bad Homburg spa gardens, where the park was designed by Lenné. The sculptures are placed in viewing angles as designed by Lenné. The design principle behind Lenné’s visual axes is to use a very specific terrain model to create a view or pictures which you can experience as you walk through the park. This is achieved through the choice of plants, sculptures and structures which act as components of the pictures. When a temporary exhibition is installed in these viewing axes, you need to be aware that it influences the form of the garden design. I see this as an intervention in the garden design.
I’d like to mention a provoking example. Nobody would tolerate it if a painter – no matter how accomplished – used a vivid, bright paint to temporarily change or add something on a valuable painting, e.g. a Rembrandt, because he feels it represents the current artistic taste. This just goes to show that, in the eyes of the public, garden art or design has not yet gained full status as true art. I believe people are welcome to temporarily exhibit art objects if the locations are purposefully selected after carefully considering the staging concepts of the garden design.

Dr. Modrow, during our walk in his garden, in front of „Philemon and Baucis“. Those who have visited a garden with him, will know him exactly like this!

GB: You have been responsible for establishing Parkpflegewerk (park preservation) as a guideline for the preservation of historic parks in Hesse. After analysing historic horizons, there is a lot that becomes partially clearer. How do you know – in coordination with nature conservation, finance and local politics – which specific time should be reconstructed. It sounds tricky …

BM: We didn’t develop the instrument for Parkpfegewerk. It was already available in the GDR in the form of park preservation concepts and monument preservation objectives.
One of the first of these concepts, written by Hennebo and Wörner, was for Nordkirchen. Our first plan was the preservation of the Biebrich park, for which we developed a Parkpflegewerk. We started a detailed analysis of the object. Then we had to work out the history of the site to further improve the immediate condition and to provide a picture of the future development of the park.  Changes in design are not made arbitrarily, they are subject to specific, reasonable goals. Our Parkpflegewerk has stood the test of time in terms of goal setting as well as research. During each administration period, we always tried to have the relevant Minister write the foreword to these Parkpflegewerke. This politically safeguarded our Parkpflegewerk as an instrument and it also made it easier to secure funding for implementation. The conservation goal itself is derived from history. For example, you might have to judge whether a wedding at the park was the last blossoming of the development. Determining the specific time frame depends, in turn, on the current Zeitgeist. It becomes a process of weighing up the preservation contexts. Of course, there also needs to be dialogue with the public, who mostly don’t want changes. Public initiatives can be an added challenge, making it necessary to engage in educational work.

For young people to become something in life, those that are older need to start stepping aside.

GB: Do you have a concrete example of this from your professional life?

BM: I am reminded of, for example, the chestnut trees in front of the Bad Homburg castle. They used to be heavily pruned and the cut surfaces were filled with concrete and held metal bins. Then the tops started rotting, threatening to break off large parts of the trees. The time came in the 1990s when we had to decide whether it was sensible to continue patching up or whether a new planting would be better. After consultation with the nature conservation and monument preservation bodies, we decided on a new planting. Members of the public who then started protesting, were included in the decision process. I emphasized that it was important, and it was our responsibility to the future generations, that we plant new trees. The same principle applies to people. For young people to become something in life, those that are older need to start stepping aside.

One of the seats in the garden, inviting you to linger.

GB: Which park you took care of do you identify with the most? Where does your heart lie?

BM: All the parks are important. Every garden has a unique and special character. The monastery garden at Seligenstadt, which is in an excellent condition, is quite unique as a formal park. Even up to today the very different Fürstenlager displays a largely unaffected early English landscape garden. Weilburg is irreplaceable as a baroque park, with its wonderful selection of plants on the terraces, the orangeries and the Gebück zur Lahn. Bad Homburg with its Lenné-inspired landscape park, the baroque upper garden of its orangery and the tub plants, representing the time of the Prussian kings. Its ruins make the Wilhelmsbad landscape Park truly unique. Karlsaue, Wilhelmsthal and Lorsch, Biebrich ….. Every park has its own character and has certain elements that make it appealing.
Wilhelmshöhe has been classified as a world heritage site, because of its magnificent garden design. I am proud that I had been involved for many years in the preparation and goal-setting.

GB: When I attended some of your lectures as a student, I used to get the impression that you had a special love for the Enlightenment period.

BM: Yes, I have always been moved by the 18th century and its landscape gardens. But I do still encounter some strange statements. Recently I spoke to a couple – it was the other day in Potsdam. I asked them how they liked Sanssouci. They said the terraces were nice, but that nothing was happening in the other part – it wasn’t being maintained there at all! That was all they said and I realised many people are still under the impression that landscape gardens develop on their own, that there’s not that much to do in them. The plants grow by themselves, you occasionally need to mow the lawn then all will be done. I often explain that everything in a landscape garden is, in fact, artificially designed. Yet, the gardener’s touch should be invisible. And a tree is not just planted anywhere but, in fact, in a precisely defined spot. I’m often astounded at the level of ignorance concerning garden design. Among my musician friends on this island and in Berlin it’s different, though. People here have a special affinity toward gardens. We often visit historic gardens and parks together. Just recently, we were in Wilhelmshöhe. Art, music and gardens can create a wonderful harmony, especially in landscape gardens, where feelings have meaning.

GB: Do you think that in other countries, e.g. England or Holland they have a greater awareness of gardens?

BM: It is said that people in England have different feelings toward gardens. Perhaps this is because of the National Trust. The previously private gardens and parks have been excellently maintained and restored as garden monuments. The climate surely also plays a role. I am not familiar with Holland. In France and Italy, it is usually the more educated and affluent class that are interested in garden design. Two years ago, I was in France and I was invited to a gathering hosted by a private person who owned a renaissance castle and terraced garden. I was surprised at how many private persons in France, Italy and Spain owned castles and gardens which are not accessible to the public. I believe this is one reason why there is such a lack of interest in gardens among less privileged people in those countries. When I started my work in Bad Homburg, I thought the garden design and Gartendenkmalpflege in Germany was facing strong challenges. But now it has again become evident that monument preservation generally is not highly valued.  Today it is often regarded as an obstacle for many things. Mecklenburg-Vorpommern now only has a part-time position for the Gartendenkmalpflege of the entire state. (The same person then also works as a professor at the Neubrandenburg University). This despite the host of landscape gardens, especially old Gutsparks, many of them dating back to Lenné and the Lenné-Meyer school.

GB: Do you know how the Gartendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern is now organised?  Do they, for example, appoint landscape architects on a project basis?

BM: After the German reunification, they also established a Schlösser and Garten Verwaltung in this state. It is still being developed, with some employees who are qualified in garden design and monuments. Each person is responsible for his own objects, though. Planning contracts are awarded to independent landscape architects and garden landscaping companies. Ludwigslust, Schwerin, Bothmer and,  in a very impressive way, Wiligrad have all been restored in the last few years. The Renaissance garden in Güstrow was restored as a monument of GDR history 10 years ago. Hohenzieritz, one of the finest preserved English landscape gardens outside of England, created quite an „aha“ effect, when it was restored in recent years after receiving a large financial input.
At Neubrandenburg University a half-professorship for garden art is currently occupied. This state now has more landscape architects qualifying in the field of Gartendenkmalpflege and they do excellent work. The DGGL and the Stralsunder Akademie für Garten-und Landschaftskultur organise conferences and training. Given the wealth of garden art, particularly the hundreds of Manor parks in Mecklenburg-Vorpommern, there are still many gardens that need to be preserved – a large task.

I have realised more and more that to hold the office of garden director, you first need many years of experience as a gardener.

GB: How did you approach your own private garden as a project? Were you inspired by historic sources such as those by Sckell, Meyer or Pückler?

BM: First I made sketches of the future garden, while I was still in Bad Homburg. I drew it roughly as I imagined it – with curved paths, nothing straight, a pond – it had to include water. At that time, there was still a blueprint institution in Luisenstraße where I had this plan traced. And then I coloured it in and proudly drove to Usedom where I gradually started implementing it.
To say my plans were inspired by Sckell and Pückler or Lenné is probably too pompous. I wanted the garden to develop into a landscape display with a specific terrain modelling, an observation hill from which you would look through a type of picture frame directing your gaze to the Gothen lake and, of course, I wanted water features in the form of two ponds and a short stream. I placed the Carpinus columnaris across this space to form a visual axis – not drawing objects in, but connecting the top part of the long, stretched-out garden to the bottom. I have learned a lot in my garden – when I was laying it out, planting new plants and as I have been caring for the plants. Even though I did study landscape gardening, this was quite a few years ago. I have realised more and more that to hold the office of garden director, you first need many years of experience as a gardener. Although in my time theory and practice had started interweaving in the palace administration. I can recall when we were working on Seligenstadt and found out it used to be a vegetable garden.  Nobody could really visualize this correctly, not even the master gardener Herr Krienke. Then, during that time, we drove to Villandry, where the owner took us on a tour. We stayed there for three days, speaking to their master gardener and suddenly Herr Krienke realised what a great opportunity this was. The Seligenstadt gardeners then started making company outings on their own initiative. The same applied to Herr Jagenteufel in the Prinz-Georg garden or the Fürstenlager. Here we also restored or reinstated incomparable gardens. All of this was only possible because of our brilliant staff members who were open to change.

GB: In other words, you had a good hand at recruiting personnel.

BM: I believe it is very important to recognize and acknowledge a person’s skills. Then you can achieve a lot. For example, I urgently needed a technical draughtsperson, but officially there was no position for one. At some point, I got a message from the personnel department about a technical draughtsman who was soon due to retire. He was a 63-year-old Romanian who had up to then drawn only lorries. I thought, well that’s better than nothing. He came to us and we sat him down in front of one of our garden plans that had to be redrawn. He stayed on with us for a few years, was enthusiastic and always worked meticulously. His plans are all in the garden division. We didn’t talk much, because he could hardly speak German. But we were satisfied and he was content. I also remember a very different example: A children’s birthday party. There was a boy who kept on griping and interrupting the other children who were playing. I went over and started spending some time talking to him.  As soon as he felt noticed, he changed and became well-behaved.
You just need to feel noticed and appreciated.

Dr. Modrow´s favourite view.

GB: Your favourite spot in the garden?

BM: I am especially proud of the cobblestone wall I completed this year and of my „orangery“.  When they lifted the street in front of my house I acquired 8 tons of stones that I then stored for five years in my front garden. I found garden landscapers nearby who were proficient at the type of work I had in mind. The glass house, which serves as a winter hothouse, leans onto this wall. My „orangery“, where my citrus and other sensitive plants are housed during winter, is also a wonderful place to spend time in. From here you have the best view of the garden. If I were forced to move around in a wheelchair one day, I would love to sit here and I wouldn’t really need much else. There is also another spot with a very nice view over the meadows, but here your eyes are drawn outwards.

GB: Dr. Modrow. Let’s get down to business. Who is your favourite gardener?

BM: (Thinks for quite a while). I’m always swaying between Sckell and Lenné…

GB: Which book has been important to you as a designer? And which book as a conservationist?

BM: Andeutungen über die Landschaftsgärtnerei (Hints on landscape gardening) by Pückler is very significant. He describes what paths should contain, how to lay out plantings and ponds, how to make waterfalls and path processions. Of course, I have also studied books by Dezallier d’Argenville, Sckell, Meyer and many others. But I am fascinated by Pückler. If you go to Bad Muskau and walk through the park with these Pückler-inspired ideas in your head, there is a lot you can recognize.
My son recently gave me a book by Andrew Wilson about the timeless modern gardens of Luciano Giubbilei. The gardens are very labour-intensive and you should take care that they don’t look too sterile. Basically, I like not only the clear forms, but also the „New German Style“ with perennials and grasses… wonderful!

GB: So, are you also interested in contemporary garden design?

BM: I am only superficially involved with this. And I occasionally page through garden design magazines. Although I am puzzled as to why they call it garden design and not landscape architecture.

A quite time next to three young mulberry trees.

 

GB: Last question: What is your current favourite tool?

BM: Definitely my shears …. an axe should probably also feature…. but it’s quite difficult to get rid of something you planted.

GB: Really? I don’t find it difficult at all…

BM: This probably comes with age. When I was young, I very enthusiastically chopped down trees. When he grew older, Sckell said: „Watch over me, oh worthy old trees!“ For example, these two pine trees in front of the wall. I found them eight years ago on the beach in Bansin when they were hanging from the cliff by a single root. I took them down that February and put them on the compost heap to replant them in the spring. I have many images in my mind of these trees growing here over the years.

GB: Dear Dr. Modrow. It was lovely being here with you. Thank you so much for talking to me and for allowing me to spend a wonderful day with you on Usedom.

 


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„Manches versteht man, bis man sich aus dieser Welt verabschiedet, noch lange nicht.“

GRÜNES BLUT trifft den Naturkundler, Gärtnermeister und Fachautoren Sven Nürnberger Mitte März, an einem eisigen Montag, vor einem seiner Vorträge, im Palmengarten Frankfurt

 


 

Auf Sven Nürnberger wurde ich von meiner Lektorin Ruthild aufmerksam gemacht. Sie berichtete mir von dem im Palmengarten Frankfurt angestellten Pflanzen-Reisenden und sofort schossen mir Gedanken von wilden Abenteuern in unberührter Natur, weitab von den Touristenströmen, und aufklärerischem Gedankengut à la Alexander von Humboldt  durch den Kopf. Bisher war ich noch nie jemandem begegnet, der den Schritt aus dem Garten hinausging, um mehr oder weniger bekannte Gartenpflanzen und Pflanzenfamilien am Naturstandort aufzusuchen. Von grünem Blut war bei Sven also eindeutig auszugehen. Nach Vorgespräch und Interviewtermin wird mir das Ausmaß seiner großen Begeisterung für Pflanzen und ihre Umwelt bewusst. Neben seiner Arbeit im Palmengarten besitzt er – nur noch – zwei eigene Gärten, sowie – nur noch – einen Pflanzenbalkon, auf dem er sich ganz gezielt einzelnen Pflanzen widmen kann. Seine Leidenschaft für Pflanzen wurde ihm von seinen Eltern in die Wiege gelegt und so bezeichnet er seine Reisen als eine Erfüllung. Seine Art, von diesen zu berichten, wirkt bedacht und voller Bewunderung für den Erfindungsreichtum der Natur. Nach zahlreichen Exkursionen in die Karibik und auf die Falklandinseln 2007, erfüllte er sich im Dezember 2017 seinen Traum, für drei Wochen gemeinsam mit Prof. Dr. Wolfram KircherCristóbal Elgueta Marinovic und Klaus Oetjen das mediterrane Chile und verschiedene Vegetationstypen Patagoniens zu bereisen.
Die Welt scheint für Sven wie ein riesiger Setzkasten zu funktionieren, in den er sein Wissen als sinnliche Erfahrungen einsortiert, um so mit jeder Reise, mit jeder Beobachtung, ein wenig mehr über die Natur und ihre Zusammenhänge zu verstehen.
 

GB: Lieber Sven, fange ich mit meinen Fragen noch vor der Reise an: wie bereitest du dich inhaltlich auf eine Reise vor?

SN: Eine Reise plane ich im Vorfeld schon sehr intensiv. Ich habe mich dann im Idealfall bereits einige Jahre mit einem Florengebiet befasst und auch schon einen gewissen Bestand an Literatur zusammengetragen oder weiß zumindest, wo man sich bestimmte Bücher oder Infos organisieren kann. Für die Chile-Argentinien-Reise war es zudem so, dass ich im Vorfeld Kontakte zu Wissenschaftlern, Gärtnern, Pflanzen- und Ortskundigen aufgenommen habe. Prinzipiell versuche ich, mein Reiseziel mit der mir verfügbaren Reisezeit und der vor Ort bestehenden Infrastruktur in Einklang zu bringen. Stelle mir zunächst eine Wunschliste der Gebiete zusammen, die ich floristisch am Lohnendsten finde, und schaue dann, was sich mit welchem Vehikel oder auch zu Fuß erreichen lässt. Schon im Vorfeld versuche ich, die Touren anhand topografischer Karten, Wanderführer und Beschreibungen im Internet zusammenzustellen.

Prinzipiell nutze ich jede Gelegenheit dazu die floristischen Gegebenheiten oder auch die Gartensituationen vor Ort zu betrachten.

GB: Über welche Themen genau informierst du dich in der Literatur?

SN: Im Grunde gehe ich sehr ganzheitlich an die Sache ran. Je nach Gebiet schaue ich, welche wissenschaftliche „Papers“, Berichte oder Vorträge es gibt und was darin sowohl botanisch als auch gärtnerisch beschrieben wird. Auch sind Karten innerhalb dieser Recherche von besonderer Bedeutung. Geologische Karten und Beschreibungen geben Aufschlüsse über das anstehende Gestein und die Böden. Anhand topografischer und Verbreitungskarten kann ich mich über die Höhenzonierungen und die Vegetationstypen informieren. Zudem versuche ich, möglichst viel über die klimatischen Gegebenheiten herauszufinden und wie der jahreszeitliche Rhythmus der Vegetation mit dem Klima einher geht. Im nächsten Schritt geht es dann um die Details: Wo genau finde ich welche Pflanzengesellschaften und wie setzten sich diese dann zusammen? Welche Anpassungen haben die jeweiligen Pflanzenarten entwickelt, um sich am Standort zu behaupten? Welche Böden finde ich vor und warum entwickelte sich diese Pflanzengesellschaft ausgerechnet dort? All diese Punkte gehe ich dann meistens mit Checklisten, botanischen Reiseberichten und Florenbeschreibungen durch. Auf Online-Datenbanken schaue ich nach den Höhenverbreitungen bestimmter Taxa und vor Ort hat man dann schon eine Idee, in welchem Landschaftsabschnitt eine bestimmte Pflanzengruppe zu finden ist.

GB: Also ist jede Reise von langer Hand geplant?

SN: Es gibt auch mal spontane Touren, wie zum Beispiel die Exkursion im Juli 2014 in die spanische Sierra Nevada mit Berufskollegen. Da Thomas Eidmann die Sierra Nevada zuvor bereits intensiv bereist und entsprechende lokale Kenntnisse hatte, wusste er im Vorfeld schon, was wo zu finden sein wird. Er hat für uns die Reise geplant und wir sind für einen 4-Tage-Exkurs schnell losgeflogen. In solchen Fällen hat man auch nicht immer die Zeit, sich vor dem Abflug intensiv mit der Flora auseinanderzusetzen. Ich bin dann ganz praktisch nach dieser Tour an die spanischen Florenwerke rangegangen und habe mir dort die fehlenden Infos geholt. Das kann man vorher oder auch nachher erledigen, insbesondere wenn man einen kundigen Führer vor Ort hat.

GB: Sind diese Reisen Teil deines Berufslebens oder Eigenengagement?

SN: Das geht vollkommen ineinander über. Prinzipiell nutze ich jede Gelegenheit dazu, die floristischen Gegebenheiten oder auch die Gartensituationen vor Ort zu betrachten. Beruflich tragen Tagungen und teils damit verbundene Exkursionen in das Umland zur Weiterbildung bei. Privat halte ich dann genauso die Augen offen, da es mich drängt, die Schönheit der Natur zu erspüren. Während privater Urlaube nutze ich die Gelegenheit, hier und da kleinere Streifzüge oder Tageswanderungen in das Familienprogramm einzubauen.

Nationalpark Torres del Paine

GB: Du sprachst davon, dass du auch Kontakte am jeweiligen Zielort knüpfst. Wie gehst du das an?

SN: Das geht über soziale Netzwerke recht gut. Insbesondere kontaktiere ich aber auch direkt Institute und Pflanzenkundige der entsprechenden Regionen im Vorfeld oder mache einen spontanen Besuch und schildere mein Anliegen. Oft trifft man dann auf offene Menschen, die dann wiederum Kontakte weitervermitteln. Fotodokus, wie die Galerie des Botanischen Gartens Lautaret geben detaillierte Hinweise, wie diverse Pflanzengesellschaften aufgebaut sind. Häufig frage ich auch Kollegen aus anderen botanischen Gärten, um mir ein Bild vor Ort zu verschaffen, lese deren Veröffentlichen und Bücher. Wie zum Beispiel das Buch „Steppes“ vom Botanischen Garten in Denver, in dem die vier Autoren über die semiariden Regionen der Erde berichten. Mike Kintgen, Kurator der Alpinen-Sammlung im Botanischen Garten Denver, hat intensiv die patagonische Steppe Argentiniens bereist und beschreibt diese in dem Buch – ein wichtiger Baustein bei der Reiseplanung für die Chile-Argentinien-Reise im vergangenen Dezember. Ebenso war das Buch „Flowers of the Patagonian Mountains von Martin Sheader immens wichtig. Aber auch alte Werke aus der Palmengartenliteratur waren wertvoll für mich. Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre bereiste der Palmengarten Chile und Argentinien und darüber hat man dann in Sonderheften geschrieben, welche ich seit meiner jungen Gärtnerzeit in meiner privaten Bibliothek als Nachschlagewerk aufbewahre. Das Senckenbergische Institut erforscht seit langem die Region, sodass man sich auch aktuell auf dem Laufenden halten kann.

GB: Zur Karibik hattest du eine andere Verbindung …

SN: In der Vergangenheit verbrachte ich aus familiären Gründen viel Zeit auf der Insel Hispaniola. Das waren damals Langzeiturlaube über zwei, drei Monate. Häufig besuchten wir unsere Familie in der Cordillera Central und so begann ich, fasziniert zu schauen, was dort alles wächst. Gemeinsam mit meiner Familie und Freunden erweiterte ich den Radius der Exkursionen immer weiter. Ich knüpfte Kontakte zu lokalen Botanikern z. B. des Jardin Botanico Nacional und dem Instituto Loyola, las intensiv die Jahrbücher des Botanischen Gartens und fand mich immer mehr in der karibischen Pflanzenwelt zurecht. Die Touren führten mich dann in unterschiedlichste Gebirgsteile mit Nebelwäldern, kühlem Kiefernwald und ebenso kakteenbetonten Trockenbereichen. Nach und nach lernt man natürlich Leute kennen, mit denen man sich austauschen kann und baut Freundschaften auf. Und es gibt auch immer wieder Interessierte, die selbst dort hinreisen wollen und die mich wiederum nach Infos fragen. So entsteht über die Jahre ein Netzwerk, in dem man sich gegenseitig weiterhilft.

Das ist wohl eine Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit mit der Natur.

GB: Nutzt du ausschließlich deutschsprachige Literatur oder greifst du auch auf englische oder spanische Literatur zurück?

SN: Ich lese viel englische Literatur und jetzt für Lateinamerika habe ich den Vorteil, dass ich das Ganze auch auf Spanisch lesen kann.

GB: Du weißt also durch deine Recherche schon vorher, was dich später vor Ort erwartet. Etwas ketzerisch gefragt: Warum will man das Ganze noch live sehen? 

SN: Das ist wohl eine Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit mit der Natur. Zudem finde ich es immer wieder sehr spannend, wie sich alle Disziplinen, die ein Thema betreffen, vor Ort miteinander verbinden. Es reizt mich, diese grundsätzlichen Zusammenhänge zu verstehen. Warum kommt ausgerechnet dieses Lebewesen in dieser Region oder in diesem Ökosystem vor oder warum ist es verschwunden? Weil sich irgendwas verändert hat? Heute ist in diesem Zusammenhang auch der Klimawandel ein ganz wichtiges Thema. Ökologische Zusammenhänge verstehen zu wollen, zeichnete sich schon ein bisschen in meiner Kindheit ab, in der ich mich mit Mineralien und Fossilien befasste.

Calceolaria uniflora

GB: Weil du ja gerade davon sprichst, wie alles miteinander zusammenhängt, Geologie, Botanik, Klima und so weiter: dieses Gedankengut fußt ja auf einem humboldtschen Weltbild. Verstehe ich das richtig, dass deine Auseinandersetzung mit Alexander von Humboldt für dich und deinen Blick auf die Natur sehr prägend war?

SN: Das kann ich nur bejahen. Als im Jahre 1999 zum Jubiläum der amerikanischen Reise Humboldts und Bonplands verschiedenen Filme und Reportagen darüber gesendet wurden, nahm ich diese akribisch auf. Damals gab es ja noch Videorekorder. Ich habe dann viel über Humboldt gelesen. Das hat mich einfach noch mehr dazu bewegt, ihn als Idol anzusehen. Es hat mich begeistert, wie er die Natur gesehen hat. Seine Zitate und Aphorismen, die haben mich sehr berührt, insbesondere auch seine humanistische Einstellung. Gebirge haben mich immer besonders fasziniert und die sind bei Humboldt ja auch ein großes Thema. Seine Beschreibungen der äquatornahen Vegetation in den verschiedenen Höhenzonierungen bis zu den höchsten Gipfeln und die Analogie, die sich wiederum nord- und südwärts zu den Polen hin in ihrer Wuchsform nach gewissen Regelmäßigkeiten ähnlich strukturiert und aufbaut. Wenn man schon länger reist und beobachtet und je mehr man gärtnerisch aus vollkommen unterschiedlichen Regionen kultiviert hat, kommt man eigentlich immer wieder auf diese Anpassungen der mitunter unterschiedlichsten Familien, die aber doch ähnliche Wege gehen. Diese Gesetzmäßigkeiten und der Versuch, im Vorfeld so viele Rückschlüsse wie möglich zu ziehen, habe ich im Grunde bei Humboldt immer wieder herausgelesen. Überträgt man diese Erkenntnisse auf die gärtnerische Kultur, so lassen sich die Bedürfnisse der Pflanzen besser ausloten. Und trotzdem macht es manchmal erst nach 20 Jahren „Klick!“ und dann versteht man eine Sache besser. Das ist halt das Schöne am Grünen Beruf und in der Kultur der Pflanzen. Es ist ein stetiges Sich-Annähern an das Optimum, das ein künstlicher Standort hergibt. Manches versteht man, bis man sich aus dieser Welt verabschiedet, noch lange nicht. Da braucht man viele Gärtnerleben zu.

… oft sind es die stillen Momente, wenn man in einer völlig isolierten Gegend steht, wenn es ganz still ist.

GB: Hast du ein Zitat von Humboldt, das dich begleitet?

SN: Der Spruch, der ist ja eigentlich von Bonpland ist, “Ich komme von Sinnen, wenn die Wunder nicht bald aufhören”, der hat mich wahnsinnig geprägt und den kann ich immer wieder nachvollziehen, wenn ich in bestimmten Regionen ankomme. In einer gewissen Höhe in der dominikanischen Republik beispielsweise, so in tausend Meter Höhe, da gibt es auf der Südseite der Cordillera Central eine relativ offene Situation, an der sich der Nebelwald, zum Meer hinab bewegt. Dort trifft man plötzlich auf offene Bergpalmengesellschaften mit Prestoea acuminata, deren schlanke Stämme voll mit winzigsten Orchideen bestückt sind. Die ganze Region verströmt einen ganz speziellen Geruch. Vermutlich sind das die Gräser oder Farne, die eine ganz spezielle Note haben. Dann fliegt noch ab und zu ein Kolibri vorbei … Das sind die Momente, die ich mir dann im Detail einpräge. In dieser Umgebung zu stehen und einfach alles zu fühlen und wahrzunehmen … Das ist wohl das, was Humboldt oder Bonpland meinen: die Fülle gesehen zu haben. Die Faszination des Moments, die einen dann so überwältigt.

GB: Das klingt kontemplativ…

SN: Natürlich freut man sich auch oft mit Jubelrufen, wenn man eine bestimmte Pflanze entdeckt hat oder etwas ganz Neues sieht, das man noch gar nicht einsortieren kann. Aber ja, oft sind es die stillen Momente, wenn man in einer völlig isolierten Gegend steht, wenn es ganz still ist. Dann hört man nur einen Vogelruf, von einem seltenen oder typischen Vogel einer Region: das sind einfach Momente, in denen man in sich geht und einfach nur ist. Das tut sehr gut. Diese Situationen suche ich immer wieder.

Im Kakteenfieber bei Gobernador Costa.

GB: Wie dokumentierst du für dich deine Reisen?

SN: Einerseits fotografiere ich die Pflanzen und die Habitate, andererseits versuche ich auch, anhand eines Reisetagebuchs die Beobachtungen schriftlich festzuhalten.

GB: Du bist ja auch als Fachautor tätig und schreibst zudem Artikel zu deinen Reisen. Ich habe in der Gartenpraxis deinen Artikel über deine Reise zu den Falklandinseln gelesen und da kamen auch wiederholt Verweise auf die Flora Patagoniens vor. Ist die Patagonien Reise so etwas wie dein „missing link“ für dich gewesen?

SN: Unbedingt. Patagonien war eigentlich vorher geplant, schon Anfang der 90er-Jahre spielte ich mit dem Gedanken. Durch die Aktivität des Palmengartens und speziell auch durch die spannenden Vorträge Ursula McHardys inspiriert, hatte ich damals schon den Wunsch, da unbedingt mal hin zu wollen. 2007 bereiste ich dann gemeinsam mit Ursula McHardy für fünf Wochen die Falklands und hatte die Möglichkeit, die Flora intensiv kennen zu lernen. Auf den Falklands sind die Habitate relativ klein und mosaikartig verschachtelt, wiederum verlieren sie sich im Blick auf die recht homogen wirkenden Heide- und Graslandschaften, sodass man einen stetigen Wechsel zwischen Weite und Detail erfährt. Die verschiedenen Lebensräume liegen eigentlich nah beieinander und doch nimmt man sie in den ausgedehnten Flächen erst gar nicht so wahr. Die Inseln sind nicht bewaldet. Das ist in Patagonien eine ganz andere Komponente. Darum war es für mich ganz wichtig, auch diese kontinentale Seite kennen zu lernen, die doch um vieles größer ist, eine ausgesprochen diverse und endemitenreiche Flora besitzt und vor allem auch weitaus mehr Vegetationstypen hat.

Sven Nürnberger mit der Kamera auf Pflanzenjagd.

GB: Konntest du in den drei Wochen alles sehen, was du wolltest?

SN: Zumindest ansatzweise, die Region ist einfach zu vielfältig und komplex! In den 90er-Jahren interessierte mich besonders der Valdivianische Regenwald. Aber mit den Jahren kam immer mehr der Wunsch auf, das ganze System verstehen zu wollen. Deshalb diese extreme Tour von Santiago runter in die Seengebiete und über die Andenkette nach Argentinien durch die patagonische Steppe, dann wieder nach Chile zu den Torres del Paine bis zur Magellanstraße. Ein paar Abstriche musste jeder von uns machen. Eigentlich wollte ich gerne noch Ushuaia erreicht haben und hätte im Grunde auch noch gerne Chiloé mitgenommen, aber das war zeitlich nicht möglich. Dieses Vorhaben kann man ja dann auch nachträglich noch machen.

GB: Also es wird ein Wiedersehen mit Patagonien geben?

SN: Genau.

GB: Wieviele Kilometer seid ihr gefahren in den drei Wochen?

SN: Über 4000 Kilometer. Wir sind in den drei Wochen doch viele Schleifen gefahren, haben viele Seitentäler tangiert, sodass für manche Tour die Rückfahrt der Hinfahrt glich, um wieder auf die Hauptroute zu gelangen.

Pflanzen, die vielleicht für andere absolut Standard und alt bekannt sind, habe ich aber eben noch nie am Naturstandort gesehen. Das interessiert mich einfach.

GB: Bei deiner wirklich spürbaren Begeisterung: Hast du eigentlich eine Liste, mit Pflanzen die du am Naturstandort unbedingt noch sehen willst?

SN: Eine Liste habe ich jetzt nicht direkt, ich habe das alles eher im Kopf. Sicherlich sind es noch einige Reisen. Patagonien zum Beispiel war so eine unbedingte Reise, die schon lange, lange anstand. Sicherlich die Tafelberge in Venezuela und Guyana, das wäre so ein Highlight, das ich sehr gerne mal sehen würde. Ich möchte auch nach Nepal, Bhutan, das sind so Ziele. In den Tropen würde ich auch gerne nochmal mit den karibischen Inseln weitermachen oder einfach mal den ganzen Andenraum erkunden. Aber für die nächsten Jahre, das ist relativ sicher, steht erstmal Chile an. Argentinien hat mich aber auch sehr fasziniert. Sobald man Kontakte und Freundschaften geschlossen hat, ist das dann auch immer so eine Form der Regelmäßigkeit, dass man sich mit der Sache befasst und natürlich auch, dass die Möglichkeit besteht rüber zu fliegen. Aber auch Europa würde mich sehr interessieren.

GB: Europa?

SN: Natürlich, da gibt es so viele Orte, mit denen ich noch gar keine Berührung gehabt habe. Allein in den Alpen gibt es jede Menge Täler. Pflanzen, die vielleicht für andere absolut Standard und alt bekannt sind, habe ich aber eben noch nie am Naturstandort gesehen. Das interessiert mich einfach. Ich möchte mich nicht nur auf die seltensten oder spannendsten Pflanzenfamilien beschränken, sondern schon alles verstehen.

GB: Ja. Ich finde, manchmal fällt es einem auf, dass man gewohnt ist, eine Pflanze in dem traditionellen Kontext zu sehen, aber am Naturstandort sind diese dann doch nochmal irgendwie anders platziert oder stehen in einem anderen Zusammenhang …

SN: Genau, das ist es eigentlich. Auf den Falkland Islands gibt es zum Beispiel eine Cardamine-Art, eine Schaumkresse. Im Grunde, wie die klassische C. hirsuta, die man hier aus jedem Topf rausjätet. Aber dort, diese Cardamine glacialis sieht fast genauso aus, kommt plötzlich auf 400/500 Metern in einer Blockhaldenpflanzengesellschaft vor und lugt hier und da aus den Quarzitblöcken heraus. Sie gehört also in diese Flora. Man versucht zu verstehen, wie sie sich angepasst hat und wie ihre Strategie ist. Was für andere wahrscheinlich zum Gähnen ist, ist für mich eben total interessant.

Mit dem Leihwagen in der patagonischen Steppe

GB: Wenn mich als Leser nach diesem Interview die totale Begeisterung überkommt, als Naturkundler loszuziehen, was für Ausflugsziele/Reiseziele schlägst du einem Einsteiger vor?

SN: Das kommt auf die Neigung an, welche Pflanzengruppen interessieren und welchen Aufwand man betreiben möchte. Schon ein Urlaub am Strand kann spannend werden, wenn man die Küstenklippen observiert oder schaut, welche Dünenpflanzen den Sand halten. Die Verbindung von Naturstandorten und lokalen Gärten gefällt mir im Urlaub auch gut.

GB: Gibt es auch für Interessierte geführte Gruppenreisen?

SN: Da gibt es einige sehr gute Anbieter. Wichtig ist es, dass man abwägt, ob man möglichst viele Naturstandorte sehen möchte und wieviel Pausen und individuelle Zeit man gerne für sich einplanen möchte. Da gibt es anstrengende Touren und auch sanfte, komfortable, teure, wie auch preiswerte Reisen. Die Reiseziele der AGS (Alpine Garden Society) sind z.B. spannend.

Das, was mich besonders berührt hat, habe ich versucht, mit in meine Gartenideen zu übertragen.

GB: Bist du aus deiner Sicht eher Gestalter oder Naturwissenschaftler? Oder möchtest du dich da gar nicht richtig positionieren?

SN: Für mich ist eher die Verbindung unterschiedlicher Disziplinen entscheidend, die ich immer mehr aus meinen Erfahrungen entwickelt habe. Es ist ein stetig fortschreitender Prozess. Naturwissenschaftler bin ich nicht, da ich nicht studiert habe, aber ein autodidaktischer Gärtnermeister mit Forschergeist, das passt dann schon eher. Bereits während meiner Lehre suchte ich auf Kurzurlauben Berührung mit der Pflanzenwelt, beispielsweise auf Fuerteventura. Was wächst denn da eigentlich? Das habe ich nachgeschlagen. Ich kannte ja schon einiges aus dem Palmengarten. Diese kargen Vulkanlandschaften haben mich sehr inspiriert. In dem Wirkungskreis, in dem ich in Heidelberg oder hier im Palmengarten tätig war, boten sich immer wieder Versuchsfelder und Möglichkeiten, bestimmte Landschaftsbilder oder Pflanzengesellschaften nachzuempfinden. Das, was mich besonders berührt hat, habe ich versucht, mit in meine Gartenideen zu übertragen. Was mich heute besonders interessiert, ist die Andeutung von Vegetationsbildern mit Pflanzengruppen unterschiedlichster geografischer Regionen. Das ist eine ganz interessante Sache.

GB: Wir sprachen jetzt ja in Bezug auf deine Reisen über etablierte Pflanzengemeinschaften. Hier in Mitteleuropa ist es ja etwas anders mit der Kulturlandschaft, interessiert dich das auch?

SN: Ja, das interessiert mich prinzipiell auch. Bestimmte Kulturlandschaften sind ja durchaus sehr interessant und können sehr artenreich sein. Wenn man beispielsweise die Lüneburger Heide oder auch einige extensiv beweidete Steppenareale Argentiniens sieht, die sind natürlich schützenswert und ein Beispiel dafür, wie die Natur und die Ansprüche des Menschen einen Kompromiss fanden. Ebenso Orchideenrasen, die sich reich entfalten konnten, weil stetig die Mährhythmen von den Bergbauern eingehalten wurden. Was ich natürlich sehr kritisch finde, ist eine intensive Flächennutzung ohne jegliche Beachtung der natürlichen Prinzipien, die entgegen den Rhythmen der Natur und der Lebensgemeinschaften angewandt wird. Diese Form der Landwirtschaft richtet mittlerweile solchen Schaden an, dass funktionierende Habitate häufig nur noch relikthaft vorkommen. Der genetische Austausch ist nicht mehr gegeben, um Vielfalt und Fitness zu garantieren, um auf Standortveränderungen reagieren zu können.

Nothofagus-Wälder nahe Bariloche

GB: Das stimmt betroffen …

SN: Der Raubbau an der Natur und die damit verbundenen Klima- und Vegetationsveränderungen zeigen sich weltweit in einem verheerenden Ausmaß. Das alles sehe ich als großes Problem und ja, es frustriert mich manchmal sehr. Wichtig ist es, dass man bei alledem nicht den Gutmenschen mimt, sondern sich selbst kritisch betrachtet und nach Lösungen sucht und handelt. Mein Urlaubsflieger, mit dem ich die Pflanzen bestaune, fliegt bislang nicht ohne Kerosin und auch Biowaren sind häufig in Unmengen von Plastik gehüllt oder kommen teils von weit her. Bei allem, was man konsumiert, sollte man sich immer hinterfragen, welche Folgen und Konsequenzen es hat, und dann entscheiden, wo man sich einschränkt oder ganz neue Wege geht. Die Politik ist da vielerorts viel zu träge und rückständig. Lichtblicke gibt es da natürlich auch, zum Beispiel in Chile, durch die Ausweisung weiterer Nationalparks werden langfristig wichtige Flächen geschont. Obwohl ich prinzipiell ein optimistischer Mensch bin, vermute ich, dass die bekannte Metapher mit 5 vor 12 schon nicht mehr gilt, vielleicht ist es aber auch erst 4 vor zwölf. Die Möglichkeiten, das Kontingent für den Menschen aufzufüllen, sind ja durchaus da. Hoffen wir mal, die restlichen Organismen werden sich nach dem Verschwinden des Menschen sicher wieder entfalten, auch wenn es einige 100 000 Jahre dauern wird, aber das wäre ja traurig, wenn es für uns nicht weiterginge.

GB: Lieber Sven, herzlichen Dank für dieses Kopfabenteuer! Das Fernweh hat bestimmt nicht nur mich gepackt …

 


 

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„Wenn ich einen Garten zugänglich mache, muss ich mit Kritik rechnen.“

GRÜNES BLUT trifft den Gartenblogger Detlev Brinkschulte an einem eisigen Samstag Anfang März in Ottensen. Gemeinsam besuchen wir die Thomas Gainsborough Ausstellung „Die moderne Landschaft“ in der Hamburger Kunsthalle.


 

Vor einiger Zeit gewann ich Detlev als Follower für meinen Blog. Mit Blick auf seine Seite war sofort klar, dass Detlev mit „Theorie der Gartenkunst“ aus der Menge der deutschen Blogs hervorsticht. Sein Konzept, historische Zitate der Gartenliteratur in einen zeitgenössischen Kontext zu stellen, überzeugt nicht nur mich, sondern auch eine internationale Leserschaft, die Garten im Kontext von Zeitgeschehen und Politik beleuchtet sehen will. Mit viel Übersicht über Gartentheorie, Kulturlandschaft, Kunst und Fotografie, knüpft der ehemalige Fotoredakteur thematische Neuverbindungen und legt furchtlos den Finger in grüne Wunden. In den Foren der sozialen Medien gefürchtet, kann man Detlev womöglich als den Spitzbuben der deutschen Gartenszene bezeichnen, der ohne Scheu aufgeblähte Trends ins Kreuzverhör nimmt.
Bei der Recherche wird schnell klar, dass der in den Foren und Gruppen so tollkühne Blogger mit seinem wahren Leben äußerst bedacht umgeht. Kein Foto im Netz, das sich ihm eindeutig zuweisen lässt. Angaben zu seiner Person gehen über den Familienstand und die Auskunft, dass sein Vater als Gärtner tätig war, nicht hinaus und unser Treffen verlief äußerst warmherzig.

GB: Dein Vater war Gärtner und du hast es nach eigener Aussage gehasst, im Garten mitzuhelfen. Heute sind Gärten das Thema deines Blogs „Theorie der Gartenkunst”. Was hat dich so abgeschreckt?

DB: Ich war, als ich jung war, eher ein Stubenhocker. Na ja, als Blogger sitzt man ja auch meist am Schreibtisch. Mein Vater hat bei der Stadt Münster als Gärtner gearbeitet und da bekam man als Kind schon früh viel zu viel gärtnerische Realität mit. Als Kind darfst du die coolen Sachen im Garten eh nicht machen und zwei westfälische Sturköppe in einem Garten, das funktioniert nicht. Meine grundlegende Abneigung gegen Gartenschauen kommt noch von einem Ausflug nach Bonn, Bundesgartenschau 1979. Es war Sommer, viel Hitze, kein Schatten und mein Vater nahm die Bepflanzung auseinander, schätzte die Lebenserwartung der gerade gepflanzten Bäume ab und schleifte mich über das ganze Gelände. Dabei hatte ich ihm doch gerade seinen alten Fotoapparat abgeschwatzt. Erst viel später kam dann die Entdeckung, dass bei mir doch was hängen geblieben ist. Aber als Kind hat man nun echt besseres zu tun. Heute erwische ich mich allerdings dabei, dass ich, wie mein Vater, ebenfalls nörgelnd durch öffentliche Grünflächen laufe.

Fotografie, Kunst, Bücher … da tauchten Gärten immer wieder auf.

GB: Was genau meinst du mit gärtnerischer Realität, die du von deinem Vater mitbekommen hast?

DB: Ich meine die Planungen am „Grünen Tisch“ im Gartenamt und die Umsetzung vor Ort. Damals gab es noch ganz andere Möglichkeiten, die Gärtner waren selbst mit allen Geräten im eigenen Revier vor Ort. Heute ist alles zentralisiert und die Gärtner haben lange Anfahrtswege. Da kannste nicht mal schnell was machen. Wenn die Werkzeuge an diesem Tag nicht eingeplant sind, liegen die weit weg auf dem Betriebshof. Weiter denke ich an den Frust, wenn eine Anlage fertig war und das Ganze am nächsten Tag schon wieder als Müllkippe genutzt wurde. Solche Themen gab es bei uns regelmäßig zum Abendbrot. Wenn mein Vater Privatgärten gemacht hat, wurde ich am Wochenende mitgenommen, um bei einer Gärtnerei oder Baumschule Pflanzen zu besorgen. Keiner dieser Betriebe existiert mehr. Sie wurden unrentabel und/oder hatten keine Nachfolger. Jetzt stehen dort Einfamilienhäuser mit Restgrundstück oder es wächst Biomasse … und die Vorstellung, bei Wind und Wetter draußen zu sein, sei gesund, ist auch so ein Märchen. Das Profilbild meines Blogs sind übrigens mein Vater und ich auf der Insel Mainau.

GB: Welcher Garten hat dich denn dann so umgehauen, dass du letztendlich doch deine Begeisterung für Gärten entdeckt hast?

DB: Mein erster Garten, der mich gepackt hat, war wohl der Barockgarten des Rüschhauses bei Münster. Von Johann Conrad Schlaun als sein Sommerhaus auf dem Land gebaut. Annette von Droste-Hülshoff hat hier später gelebt. Die barocke Struktur des Gartens mit Buchsbaum und Eibe wurde Anfang der 80er restauriert, also nachgepflanzt. Auf den ersten Blick ein typischer Münsterländer Gräftenhof. Vorne ein Bauernhof mit Misthaufen und dann hinten, auf der Gartenseite, ein Maison de plaisance mit Parterre. Die Anlage mit dem Haus, einem Lust- und einem Gemüsegarten wird durch die Gräfte, eine westfälische Bezeichnung für einen Wassergraben, zusammengehalten. Für mich, von der Struktur und Größe her, immer noch die perfekte Anlage. Die Bepflanzung zwischen dem Buxus besteht leider nur aus ödem Rasen.

GB: Bevor du dich ausschließlich mit Gartenkunst auseinander gesetzt hast, hast du noch nen Schlenker über den Kulturbetrieb genommen …

DB: An die „frische Luft“ bin ich früher freiwillig eigentlich nur mit Kamera gegangen. Fotografie, Kunst, Bücher … da tauchten Gärten immer wieder auf. Ich hab viel im Kunstbetrieb gearbeitet. Der Weg in den Garten lief also über das Interesse an Kunst, Architektur und Urbanismus: Die Pavillons von Dan Graham, Gärten wie das „Schiff für Münster“ von Ludger Gerdes, die Skulptur Projekte in Münster 1987. Einer meiner Lieblingsgärten ist „Der Bevölkerung“ von Hans Haacke im nördlichen Lichthof des Reichstags.

GB: Worum geht es da genau?

DB: Ein „Hochbeet“, 6,80 m x 20,80 m und 30 cm hoch, mit einer Leuchtschrift „Der Bevölkerung“, die gleiche Schrift wie an der Westfassade „Dem du-weißt-schon-was“ von Peter Behrens. Die Abgeordneten wurden aufgefordert, aus ihrem Wahlkreis Erde mitzubringen. Gilt übrigens weiterhin für alle neuen Abgeordneten. Das zielt auf die Ruderalvegetation ab, d h. es wächst, was bereits an Samen in der mitgebrachten Erde ist oder angeflogen kommt. Geplant war, dass nicht „gärtnerisch“ eingegriffen wird, aber einige Gehölze wurden schon zu groß. Es gab eine heftige Debatte im Bundestag. Nennt man es jetzt Volk oder Bevölkerung, Erde = (Blut und) Boden, etc. Das Ganze ist auf der Website http://derbevoelkerung.de inklusive Webcam dokumentiert. Etwas Erde, ein paar Pflanzen und Politiker debattieren endlich mal. Passiert ja bei den Themen Kunst und Garten sonst eher nicht. Haacke würde sicher den Begriff „Garten“ ablehnen, aber die Rezeption solcher Arbeiten im Diskurs über Gärten würde das Ganze mal etwas aufmischen.

Pflanzen im Beet sind auch immer die Geschichte ihrer „Entdeckung“

GB: Was fasziniert dich rein theoretisch am Thema Garten?

DB: Was Foucault sagt: „Le jardin, c’est la plus petite parcelle du monde et puis c’est la totalité du monde.“ Das Zitat stammt aus einem Vortrag, „Des espace autres“. Es geht um Heterotopien. Foucault spricht über persische Teppiche, die Gärten zeigen.
Gärten sind immer ein Spiegel der Zeit, in der Sie entstehen. Gärten werden meist nur eskapistisch gesehen: „Mein Paradies“, aber dieses Paradies funktioniert nur durch Ausgrenzung, wie der persische Ursprung des Wortes (Paradeisos, „umgrenzter Bereich“) schon sagt. Da steht man dann in seinem kleinen, paradiesischen Bauerngärtchen und hat nur alte regionale Pflanzen im Beet, die kommen jedoch ursprünglich alle aus Asien oder Amerika. Selbst der Giersch wurde wahrscheinlich von den Römern eingeschleppt und als Gemüse durch die Klostergärten im Mittelalter verbreitet. Was die ganze Diskussion über „regional“ und „einheimische Arten“ betrifft, bin ich eh immer sehr vorsichtig, da wird es gartenhistorisch schnell sehr braun …

GB: Also beeindruckt dich die Kulturgeschichte, die hinter der Pflanze bzw. den jeweiligen Gartentypen steht?

DB: Ja, denn die Pflanzen im Beet sind auch immer die Geschichte ihrer „Entdeckung“, also häufig des Imperialismus und Kolonialismus und politischer Bedeutungen. Der Barockgarten z. B. ist ein Ort für die Repräsentation des absoluten Monarchen. Ludwig XIV. hat selbst einen Führer für den Garten in Versailles verfasst: Der Spaziergang im Gartens war protokollarisch genau geregelt. Gärten existieren nicht ohne ein Außen bzw. ohne den Kontext, egal wie hoch die Mauern oder Hecken sind. Die Kornblume als Symbol in Preußen, preußisch blau, und die Frage, ob ich das neben einer rosa x alba ‚Königin von Dänemark‘ aussähen kann, oder wenn man sich die Änderung von Pflanzennamen ansieht, je nach weltpolitischer Lage. Ist manchmal sehr interessant zu sehen, was da im Beet nebeneinander wächst, jenseits eines rein ästhetischen Pflanzplanes.

GB: Du kommst beruflich von der Fotografie und hast zuvor eng mit dem Kulturbetrieb zusammengearbeitet. Warum schaut der durchschnittlichen Kulturinteressierten sich lieber die gemalte Landschaft eines Thomas Gainsborough an und ist für die Reize eines Landschaftsgartens weniger empfänglich?

DB: Landschaften von Gainsborough oder anderen Künstlern gehen immer. Schau dir die Montagen von Caspar David Friedrich an. „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ hängt hier in der Sammlung. Das ist wie mit der grassierenden „Landlust“. Alle wollen Naturverbundenheit, aber den Gestank von Tieren und Trecker um 6 Uhr früh will keiner. Da fehlt quasi ein Haha, als das das Museum hier helfend einspringt. Sehen gerne, aber bitte nicht zu real. Die Rezeption beschränkt sich auf die reine Ästhetik.

Wir stehen gerade vor Mr. and Mrs. Andrews

DB: Bevor die Andrews in die Transportkiste nach Hamburg gestiegen sind, hat die National Portrait Gallery in London zum Thema #PaintedLovers ein Video gepostet, kurz vor dem Welt-Schnittblumen-Tag. Der relaxte Mr. A. & sein Hund und Mrs. A. auf der Gartenbank dazugesetzt. Im Hintergrund ist die Hochzeitskirche der beiden zu sehen und der Grundbesitz, die Landschaft, war wahrscheinlich einer der Hauptgründe für die Hochzeit. Die Besitzungen der beiden Familien grenzten aneinander. Der Kurator spricht von der Landschaft als another lover. John Berger hat in „Ways of Seeing“ darauf hingewiesen: Mr and Mrs Andrews, das ist keine Idylle à la Rousseau, back to nature und so, das sind landowner, die sich und ihren Besitz präsentieren. Die Andrews hatten einfach das Geld und die Freizeit, um die Bestseller, vielleicht einen Rousseau, zu kaufen und zu lesen. Das Getreide auf dem Bild ist in exakten Reihen gesät. Hier wurde ein seed drill benutzt, die Saat wurde nicht mehr geworfen. Die Industrialisierung der Landwirtschaft beginnt und die Garben sind wie für einen Erntedank-Gottesdienst arrangiert. Das Personal hat allerdings außerhalb des Bilderrahmens zu bleiben. Im Bild „The Harvest Wagon / Der Erntewagen“ tauchen sie auf. Sehr rustikal, pittoresk. Was hier noch eine Szene in der Landschaft ist, wird bald die Landflucht in die Städte und Fabriken, die „arbeitenden Klasse in England“. (Pause, Detlev überlegt …)
Wir nehmen das ganze heute ja eher als english landscape (garden) war. Die Landschaftsgärten sind allerdings nicht „natürlicher“ und die Besitzer nicht „aufgeklärter“ als die Barockgärten des Ancien Régime. Die Gärten der Aufklärung wurden häufig durch knallharten Kapitalismus, Kolonialismus und die Landwirtschaft in der umgebenden Landschaft finanziert, denn der Aufwand, eine Landschaft umzugestalten, war sehr immens. Man muss sich hier im Hamburg nur mal ansehen, wer sich entlang der Elbchaussee einen Landschaftsgarten angelegt hat und woher da das Geld kam. Aber danach fragt man in Hamburg nicht. Hauptsache, die Kasse stimmt.
Das Interessante ist gerade die Wahrnehmung der Bilder, Landschaften, in solchen Ausstellungen. Man hat versucht, die Bilder in der Ausstellung zu kontextualisien. In den Köpfen ist jedoch eher „Natur“ als „Landwirtschaft“. Der ganze soziale und kulturelle Hintergrund wird vom Durchschnittsbesucher ausgeblendet.
Jenseits von Leihschein-Ausstellungen wie dieser: Der erste Direktor der Kunsthalle, Alfred Lichtwark, hat viel gesammelt und Künstler nach Hamburg eingeladen, um hier zu arbeiten, u. a. Max Liebermann, an dessen Gartenplanung in Wannsee er beteiligt war. Think local: Wie wäre es mal mit einem Projekt historische und zeitgenössische Darstellungen von Stadt- und Kulturlandschaften, wie die Vier- und Marschlande oder auch das Alte Land, und Gärten aus den Depots der Hamburger Museen zu holen (zeitgenössisch wird wahrscheinlich nicht viel dabei sein …). Schauen, was war, was noch existiert und das Ganze mit der heutigen Stadtplanung, der Verdichtung und dem Grünflächenfrass zu verlinken?

Raus aus den Landschaftsgärten, die die Natur nur nachstellen und konditionierte Gefühle hervorrufen sollen!

GB: Wie denkst du, nimmt das breite Publikum Landschaftsgärten wahr?

DB: Was die Landschaftsgärten betrifft: Das ist, glaube ich, eine Sache, die mit der Erwartungshaltung an Gärten und Parkanlage zu tun hat. Gartenreisen zu englischen Landschaftsgärten werden immer gebucht, obwohl da die Blümchen fehlen. Man muss da ja mal gewesen sein. Das sagt für mich mehr über Tourismus aus als über das Interesse an den Gärten selbst. Ist ja meist noch ein Cottage Garden von Gertrude Jekyll oder der White Garden in Sissinghurst und die Long Border in Dixter auf dem Programm.
Schau dir mal die Touristen im Branitz an: der Pleasureground am Schloss mit den Beeten und Einfassungen, aber die Aufmerksamkeit nimmt im Parkbereich zunehmend ab. Gehölze und Gras. Durchgangsbereich auf dem Weg zu den Grabpyramiden. Wiesen und Rasen werden heute nur noch als Grillplatz oder Auslauf für Hunde wahrgenommen. Das Gleiche im Park von Sanssouci: Da läuft man durch den Park und endlich mal wieder etwas Architektur, Charlottenhof. Unter der Pergola – Italiensehnsucht! – durch und schnell in den Rosengarten.
Unter uns: Die meisten english landscape gardens finde ich stinklangweilig. Diese monströsen country houses, die wie gerade gelandete Ufos auf der Wiese stehen, mit ein paar Baumgrüppchen à la Lancelot „Capability“ Brown dekoriert; dann eher William Kent. Pückler finde ich gut, der war ein richtiger Freak.
Lass uns mal aus dem Bunker rausgehen. Oben in der Sammlung ist noch ein Hamburger Garten, den ich mag. Der lag damals, als er gemalt wurde, „vor den Toren der Stadt“ in Eimsbüttel. Du hast doch auch Kinder im Garten …

GB: Habe ich. Die helfen übrigens noch gerne mit. Wofür steht das Bild von Philipp Otto Runge für dich?

DB: Das Bild bedeutet für mich: raus aus dem Garten! Für den Blog hab ich ein Paar Sachen zum Thema Kindheit und Garten im Zettelkasten hängen. Da stolpert man über die „Hülsenbeckschen Kinder“. Romantik ist überhaupt nicht mein „Ismus“, öder finde ich nur den Impressionismus à la Monet. Eines der besten Gartenbücher der letzten Jahre ist „Im Garten der Romantik“ von Hans von Trotha. Es geht nicht um „romantische“ Gärtchen. Trotha beschreibt den Auszug der Romantiker in die Natur. Raus aus den Landschaftsgärten, die die Natur nur nachstellen und konditionierte Gefühle hervorrufen sollen! Er erwähnt das Bild von Runge nicht, aber die „Hülsenbeckschen Kinder“ bringen es für mich einfach auf den Punkt. In der Literatur ist man sich allerdings nicht ganz einig, ob die Kinder jetzt noch im Garten sind oder schon außerhalb. Aber das sind Kinder: die sind schnell auf der anderen Seite des Gartenzauns … Natürlich ist das Bild ein Horrorszenario für die Helikoptereltern des 21. Jahrhunderts: Die Kinder verlassen den geschützten Bereich des Gartens, den man sich vor der Stadt, auf dem Land, als Rückzugsort geschaffen hat. Und der Kleine im Bollerwagen reißt auch noch Blumen ab, könnten ja giftig sein …

GB: Mein Gartentor klemmt praktischerweise, so kann ich mich in einer gewissen Lässigkeit wähnen und jeglichen Helikopterwahn von mir weisen. Aber zurück. Grundlegend bist du aber vom Garten als Idyll, quasi als Gradmesser einer gewissen Ignoranz des Besitzers, bedient, wenn ich dich richtig verstehe?!

DB: Der industriellen Landwirtschaft ist nicht zu trauen, also spielt man Selbstversorger. Die öffentlichen Grünflächen sind in einem katastrophalen Zustand, aber man hat ja seinen eigenen englischen Rasen und ein paar Röschen. Man baut das eigene Heim in einem Neubaugebiet, „auf der grünen Wiese“, und legt sich auf dem Restgrundstück neben den Grillplatz ein Biotop an. Das ist alles sehr spießig und naiv. Mal seine Ruhe haben zu wollen, kann ich ja verstehen. Wir „gärtnern“ hier vor der Haustür und ich leg mich ständig mit Hundebesitzern an, die das Ganze als Hundeklo ansehen, oder ich ärgere mich über Eltern, die auf ihr Smartphone starren, während die Blagen durch die Pflanzen trampeln. Die Sehnsucht nach einem hortus conclusus kann ich grundsätzlich gut verstehen, aber mir fehlt die Rückkopplung, der Blick über den Gartenzaun.

Manchmal sammle ich etwas zu bestimmten Themen. Wenn sich Hermann Muthesius über Drahtzäune und Vorgärten ärgert, passt das für mich zur aktuellen Diskussion über Schottergärten.

GB: In deinem Blog veröffentlichst du Zitate vornehmlich aus gartentheoretischen Schriften. Wie kamst du auf dieses Format?

DB: Wenn mich ein Thema interessiert, fange ich an zu recherchieren. Wo kommt z. B. eine Pflanze her, in welchen Kontext tauchen bestimmte Gestaltungselemente erstmalig auf. Da landest du dann bei den Quellentexten. Die meisten neuen Gartenbücher fasse ich erst gar nicht an. Schnell geschrieben und produziert, weil das Thema gerade hip ist. Dann noch die zu Tode gephotoshopten Fotos und auf jeden weißen Fleck im Layout ein Vignettechen gebastelt. Mag ich nicht lesen. Die „alten“ Gartenbücher sind hingegen toll. Viele würden wegen der political correctness und der ewigen Gartenkuschelei heute kein Lektorat überleben. Wenn ich dann etwas gut finde, die Beschreibung einer Pflanze oder die Diskussion einer bestimmten Gestaltung, wandert es in den digitalen Zettelkasten oder es kommt ein Lesezeichen ins Buch. Manchmal sammle ich etwas zu bestimmten Themen. Wenn sich Hermann Muthesius über Drahtzäune und Vorgärten ärgert, passt das für mich zur aktuellen Diskussion über Schottergärten. Bei Theodor Fontane, der „eine reiche, immer wachsende Cultur!“ beschreibt, den Obstanbau in Werder an der Havel, geht es um Flüchtlinge, die Entstehung einer Gartenbaukultur und Landschaft. Er beschreibt den Beginn der Saison am 01. Juni, da wird das Zitat aus den „Wanderungen“ eben am 01. Juni gepostet. Die letzten Jahre hab ich immer was zum Beginn der Jahreszeiten gemacht. Winter war jetzt ein Gedicht von Brecht. Er sitzt im Exil, auf der Flucht vor den Nazis, in seinem Haus in Dänemark und blickt in den Garten. Ein paar Tage später verlässt Dänemark die UN-Flüchtlingsorganisation. Häufig bringen die Texte, die Zitate das Thema so auf den Punkt, dass sie allein stehen können und aktuelle Themen kommentieren. Das hoffe ich zumindest.

GB: Welche Möglichkeiten zur Recherche nutzt du? Was sind deine Schlüsselquellen?

DB: Es gibt schon so ein Paar Lieblingsbücher. Die „Theorie der Gartenkunst“ von Christian Cay Lorenz Hirschfeld. Hirschfeld beschreibt viele Landschaftsgärten, obwohl der nie da war. Er war ein strikter Befürworten des Landschaftsgartens. Da tobt der ideologische Kampf gegen den Barockgarten. Den Titel hab ich mir für den Blog ausgeliehen.
Wenn es um Gehölze geht, schaue ich immer erst bei Hans Carl von Carlowitz nach. In seinem Buch „Sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur wilden Baum-Zucht …“ kommt der heute inflationär benutzte Begriff „Nachhaltigkeit“ zum ersten Mal vor. Es geht um Nachschub an Holz für den Bergbau. Ist doch mal nachhaltig, altes Papier zu recyceln statt Wälder für neue Bücher abzuholzen.
Gerade die amerikanischen Bibliotheken haben viele alte Bücher und Zeitschriften digitalisiert, nicht nur englischsprachige. Die Biodiversity Heritage Library ist eine tolle Fundgrube, wenn man etwas zu Pflanzen sucht. Eine gute Übersicht über digitalisierte Gartenliteratur steht auf der Website der Deutschen Gartenbaubibliothek e.V. Aber die besten Sachen findest du meist nicht in Gartenbüchern. Bei Formulierungen wie „eingefriedigte Parzellen, nicht größer als ein Stück Gartenland“ bleibe ich dann hängen. Fontane beschreibt die Knicklandschaft in Schleswig-Holstein: Das ist aus seinem ersten Buch „Der schleswig-holsteinische Krieg im Jahre 1864“.

Wenn du likes willst, musste nur ein möglichst nichtssagendes, durch den Photoshop genudeltes Bild von eine ROSE nehmen und die Tautologie von Gertrude Stein drauf oder drunter schreiben, am besten in Schreibschrift oder was mir Schnörkeln.

GB: Du kennst dich in der internationalen Gartenblogger Szene gut aus, hast selbst vornehmlich englische und niederländische Blogs in dein Herz geschlossen. Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann wurde in Deutschland das Medium über die bloße Übermittlung von Pflanzenpflege hinaus noch nicht großartig genutzt. Welche Inhalte vermisst du?

DB: Auskennen würde ich es jetzt nicht nennen. Dafür bin ich viel zu selektiv. In der ersten Zeit, in der ich begonnen habe, mich mit Gärten zu beschäftigen, habe ich viel online gelesen und bin meist bei den englischen und amerikanischen Blogs hängengeblieben. Auf deutschsprachigen Blogs findet man meist nur „Blümchen“ und böse „Schneckchen“, die das „Salatblättchen“ auffressen. Nicht mehr als durchdekorierter Lifestyle mit etwas veganem Futterneid. Wie die ganzen Dekofachzeitschriften mit Pflänzchen der Saison, die hier als Gartenzeitschriften im Umlauf sind. Es hat bitte „nett“, „hübsch“, „wunderschön“, „entzückend“, etc. zu sein. Bei den Worten steig ich meist schon aus. Die einzig zulässige Kritik ist, dass man vielleicht rosa Röschen lieber mag, aber das gelbe kriegt auch ein Like. Über Gartengestaltung wird besser nicht gesprochen und wenn, dann ist es Deko. Wer „Blümchen“ aus dem Baumarkt rettet, ist ein Held. Dass man damit ein System unterstützt das nur mit hohem Einsatz von Chemie und Ausbeutung der Arbeitskräfte möglich ist und kleinere Gärtnereien kaputt macht, wird verdrängt. Wenn das überzüchtete „Blümchen“ eingeht, weil es darauf gepusht ist, im Baumarkt gut auszusehen, wird ein Tränchen vergossen. Ist ja „Natur“.

GB: Und im institutionellen Bereich?

Institutionen nutzen Social Media meist nur als erweiterte Newsletter-Funktion. Gebloggt wird kaum. Vielleicht darf mal ein Praktikant oder eine Volontärin was schreiben. Man bleibt im verbeamteten Elfenbeinturm, hütet sein Wissen und sieht eine mit öffentlichen Geldern finanzierte Sammlung, oder eine historische Gartenanlage, als Privateigentum an. Sieh dir im Netz mal die ganze Diskussion über #OpenGlam, #SharingHeritage zum Kulturerbejahr und jetzt die #MünchnerNote an.
Deutschsprachige Blogs mit Fokus auf historische Gärten fehlen ganz. Gerade in Bezug auf Denkmalpflege und die heutige Nutzung der Anlagen wäre eine Diskussion meiner Meinung nach mal notwendig. Manchmal hab ich den Eindruck, historische und/oder öffentliche Gartenanlagen und Parks werden nur noch als location für Events angesehen, um die Besucherstatistik zu tunen. Bei gleichzeitig sinkendem Budget für die Pflege.
Kritik fehlt. Wenn ich einen Garten zugänglich mache, muss ich mit Kritik rechnen. Das gilt für öffentliche, denkmalgeschützte Anlagen, ebenso wie für die Offene Gartenpforte, sei sie nun real oder digital. Es bleibt aber nur bei likes …
Einer meine Lieblingsblogs ist thinkinGardens von Anne Wareham. So ein Format fehlt im deutschsprachigen Netz.

GB: Was macht den Blog von Anne aus deiner Sicht so besonders?

DB: ThinkingGardens ist ein Forum. Anne Wareham lädt Leute aus dem Gartenbereich ein, um hier zu schreiben. Und es kommt endlich mal zu Diskussionen. Da werden auch schon mal heilige Kühe geschlachtet. Es ist doch so: Hinter vorgehaltener Hand hört man in diesem Bereich viel Kritik. Wenn man einen Garten besucht, der als „Meisterwerk“ gilt, steht man häufig sehr überrascht auf dem Grundstück und fragt sich, was das soll. Laut aussprechen oder aufschreiben tut es niemand. Geschweige denn genau das zu fotografieren. Da wird eher versucht, das Hochglanzfoto, das man gesehen hat, nachzuknipsen. Nicht nur bei den Amateuren. Gerade für die Profis ist das immer schwierig, man steckt ja im System drin und profitiert davon. Die Beliebtheitskurve, wenn man so etwas macht, steigt natürlich nicht.

GB: Wie wichtig sind die sozialen Medien wie Facebook, Instagram und Twitter aus deiner Sicht, um als Gartenblogger, aber auch als Gartenpersönlichkeit, Erfolg zu haben?

DB: Die sozialen Medien streuen den Blog. Aber ich bin da eher kritisch. Hier im deutschsprachigen Bereich kann man es wohl vernachlässigen. Die Social Media Kanäle sind Newsletter. Das bleibt alles in der community, bei „Freunden“. Im anglo-amerikanischen Bereich läuft da mehr: nämlich Kommunikation. Wenn du hier likes willst, musste nur ein möglichst nichtssagendes, durch den Photoshop genudeltes Bild von eine Rose nehmen und die Tautologie von Gertrude Stein drauf oder drunter schreiben, am besten in Schreibschrift oder was mir Schnörkeln. Ein Beitrag über Chemieeinsatz bei der Rosenproduktion in Kenia interessiert keinen. A rose is a rose und die gibt es für 90 Cent an der Tankstelle.
Facebook und die dortigen Pflanzen- und Gartengruppen haben meist was von einem Poesiealbum. Twitter ist als Informationskanal gut, besonders wenn man mal über den deutschsprachigen Gartenzaun blickt.

GB: Und Instagram?

DB: Auf Instagram bin ich selbst erst seit ca. 1 Jahr. Hab mich lange standhaft geweigert, mir ein mobile phone mit Knipsfunktion und Internetzugang anzuschaffen. Die Kamera packe ich nur ein, wenn ich etwas Bestimmtes vorhabe. Mit der Möglichkeit, jederzeit rumzuknipsen, ist das so ne Sache und dann hab ich angefangen auf Instagram rumzuspielen. Hier landen dann schon einmal meine Fingerzuckungen. Nicht jedes Motiv, bei dem der Finger zuckt, ist ein Foto. Auf Instagram ist es meist so kuschelig wie auf Facebook. Ich hab lange als Fotoredakteur gearbeitet und wenn ich etwas kann, dann ist es die visuellen Scheuklappen sehr eng zu fokussieren und Bilder editieren. Hilft dort ungemein.
Vor einiger Zeit war mal ein guter Artikel in der Architectural Review über „Architectural Photography in the Age of Social Media“. Die These war, dass die Architekturmedien nur noch Hochglanz zeigen und dagegen der „polemical snapshot“ auf z. B. Twitter oder Instagram zu sehen ist. Das fehlt in der Gartenfotografie. Mit Social Media hat man die Möglichkeit, das zu veröffentlichen, was die Marketing- und Anzeigenabteilungen, die heute die Inhalte bestimmen, nie durchgehen lassen würden. Schau dir die Diskussionen über #Brutalism in Netz an. Wo sind die Bilder von Gärten und Grünflächen aus den 50ern, 60ern und 70ern, die platt gemacht werden? Wo sind Bilder, die den Pflegenotstand in öffentlichen Grünanlagen zeigen? Wo sind Bilder über Arbeitsbedingungen in großen Gärtnereien oder die Selbstausbeutung, ohne die kleinere und mittelständische Betriebe nicht funktionieren würden? Es gibt Ansätze. Zum Thema Schottergärten: Sieh dir mal auf Facebook „Gärten des Grauens“ an. Bitte mehr davon!

GB: Was ist für dich als Blogger Erfolg?

DB: Das mit dem Erfolg als Blogger ist so ne Sache. Habe eh nicht die Tendenz mir Follower- und Like-Statistiken anzusehen. Zahlen interessieren mich nicht. Ich hab auch keine Lust auf kommerzielle Kooperationen und so ein Zeug. Besser ein Like oder Retweet von jemandem, von dem man weiß, dass er oder sie verstanden haben, worum es geht, als 10 Kommentare mit „Wie schön“.
Mein Freund hatte mit einem Blog über Harzer Fuhrherren angefangen und dann kam „pack dein Gartenzeug doch auch auf nen Blog“. Ich hab herum experimentiert, mach ich noch immer. „Erfolg“ kam zuerst aus den Niederlanden. Der im letzten Jahr verstorbene Gerritjan Deunk teilte plötzlich Sachen auf Facebook in der Gruppe von OnzeEigenTuin und als dann noch ein Link im Newsletter der Tuinhistorisch Genootschap Cascade war, dachte ich, so dämlich kann das ja nicht sein, was du hier gerade machst.
Was ich nicht verstehe, ist der Algorithmus, wenn es um Reaktionen auf dem Blog geht. Das ist der Misserfolg: Es gibt keine Diskussionen. Dabei baue ich doch immer Vorlagen ein …

Die Nutzung von Gehölzen in Wallhecken und wie diese die Landschaft formen oder auch Streuobstwiesen sind für mich spannender als noch ein Beet mit Rosen oder Prairie planting upps, hab ich das jetzt wirklich gesagt?

GB: Da bin ich voll bei dir. Wollte mit meinem Blog auch ursprünglich den Austausch mit anderen Garteninterssierten forcieren. Ich hattediesen Open-Content-Gedanken in mir. In der Realität findet leider null Austausch statt. Aber zurück zu dir: Was interessiert dich im Moment hinsichtlich Gärten am meisten?

DB: Im Moment das Verhältnis von Garten und Landschaft. Garten ist Kultur und nicht Natur. Wir sprechen ja von Gartenkultur oder Gartenkunst – Kunst im Sinne von arts et métiers, Handwerk, und nicht des romantischen Geniekults, wie es einige Garten-Designer gerne hätten. Die Landschaft ist Kulturlandschaft. Wir haben keine „natürliche“ Landschaft mehr. Die Nutzung von Gehölzen in Wallhecken und wie diese die Landschaft formen oder auch Streuobstwiesen sind für mich spannender als noch ein Beet mit Rosen oder Prairie planting … upps, hab ich das jetzt wirklich gesagt? Der Blick auf die Kulturlandschaft schärft auch den Blick auf die Möglichkeiten, die es für einen Garten in dieser Gegend gibt.
Ein Garten zum Thema Garten und Landschaft ist Clemenswerth, ein Jagdschloss am Rand des Hümmling im Emsland mit einzelnen Pavillons in einem Jagdstern. Einer der Pavillons ist ein Kloster inklusive Klostergarten mit Eremitage und fantastischen Hecken aus dem 18. Jahrhundert. Da bin ich schon wieder bei Schlaun gelandet …
In der Warteschleife sind darüber hinaus gerade einige Themen, für die ich mal wieder in eine Bibliothek müsste. Die Themen sind eher aus der Vor-und Nachkriegszeit und hier ist wenig digitalisiert, weil teilweise die Urheberrechte noch nicht abgelaufen sind oder es existiert kaum Literatur zum Thema. Das, was bisher online ist, kam ohne aus.

GB: Gärten, die dir gefallen? Deine Gartentipps!

Häufig sind es bestimmte Aspekte, Details eines Gartens oder Sachen, die für die meisten wahrscheinlich gar nichts mit „Garten“ zu tun haben, an denen ich hängen bleibe. Im Kopf habe ich immer ein Moodboard, wie „mein Garten“ aussehen könnte, immer mit der Einschränkung, was durch die Lage möglich ist und was bereits vorhanden ist. Der „eigene Garten“ ist ja nur ein Versuchsbeet vor dem Haus und ein paar Kübelpflanzen und dann plane ich im Kopf. Das ist ein recht wilder Mix: „Frühling“, ein Kupferstich von Pieter Bruegel d. Ä.; Topiary Lawn in Great Dixter; Birkenweg im Garten der Liebermann Villa; Crambe maritima im Garten von Derek Jarman; Gartenlauben von Margarete Schütte-Lihotzky für das Neue Frankfurt; Jane Wyman liest „Walden“ von Henry David Thoreau in „All that Heaven Allows“ von Douglas Sirk; „Bella Vista“ von Arne Jacobsen für die Herrenhäuser Gärten; Waschbetonplatten im Tuinen Mien Ruys; „Patio and Pavilion“ von Alison & Peter Smithson; Nigel Henderson und Eduardo Paolozzi für die Austellung „This is Tomorrow“; „Porten i Slugten / The Gate in the Gorge“ von Richard Serra im Park des Louisiana Museum; Kopfweiden und eine Streuobstwiese mit ‚Dülmener Herbstrosenapfel‘ und ‚Winterköttelbirne‘ – für den Grünkohl.
Der Tipp wäre eher mal, nicht auf konventionelle Gärten zu schauen. Kulturlandschaften, Brachland, Ruderalvegetation und Stinzenpflanzen. Ein Garten kann auch auf einem Bild, in einem Text oder Film zu finden sein.

GB: Lieber Detlev, vielen Dank. Das war zum einen echt lustig und zum anderen hab ich jetzt echt Lust loszulesen!

DB: Ich brauch jetzt erstmal was pflanzliches, Coffea arabica oder C. canephora und Nicotiana tabacum … 😉

 


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„Eigentum verpflichtet.“

GRÜNES BLUT trifft den Gartenplaner und -autoren Torsten Matschiess an einem herbstlichen Freitag Anfang Oktober im Garten Alst in Brüggen.


 

Vielleicht ist es die Weite hier am Niederrhein, der unverstellte Blick oder doch schlicht und ergreifend das Persönlichkeitsprofil von Torsten Matschiess, was dazu führte, dass er sich nach seinem Umzug aus der Stadt hier auf dem Land dem Thema Garten mit scharfem Verstand zu widmen begann. Er schrieb darüber ein Buch mit dem Titel Avantgardening – Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern, hält Vorträge und ist mit Studio tm als Gartenplaner tätig.
Nach einer auffallend guten Tasse Kaffee beginnen wir in einer Regenpause unseren Rundgang durch den ehemaligen, angemieteten Maisacker, den er in einen gut 8000 m² großen Garten verwandelt hat.
Zu dieser Jahreszeit sind es Gräser, Astern, Wasserdost und Kerzenknöterich, die das Bild, aufgespannt zwischen den umgebenden Windkrafträdern, prägen. Ein Bruch, der die ganze Geschichte nur spannender macht. Geborgtes Land. Etwas Neues für die Wahrnehmung. Die aufgepflanzten Stauden, Gräser und Gehölze sind mir zum Teil unbekannt, mein Sehzentrum fühlt sich im besten Sinne angesprochen.
Der Eindruck, es unter den ziehenden Wolken mit einer Naturgewalt zu tun zu haben, steht im Kontrast zum geistigen Unterbau des Garten Alst: Nachdem die strukturellen Gegebenheiten, wie Boden, Klima, Vorgeschichte und umgebende Landschaft, beurteilt wurden, galt es, auch die zur Verfügung stehende Arbeitskapazität auszuloten; angesichts des Staudenmeeres verblüfft die Information, der Garten werde gemeinsam mit der Lebensgefährtin im Wesentlichen allein am Wochenende bewirtschaftet. Alle acht Meter wurden Wege aus Holzhäcksel angelegt; mit Absicht nicht baulich, so dass das Gelände jederzeit auch wieder in die Landwirtschaft rückgeführt werden kann. Kein Handgriff, keine planerische Maßnahme scheinen dem Zufall überlassen und voller Respekt vor Flora und Fauna mit viel Verstand bedacht und abgewogen worden zu sein.
Ich freue mich, Torsten zu seinen gärtnerischen Anfängen, seinem planerischen Vorgehen, dem Klimawandel und der deutschen Gartenkultur befragen zu dürfen.

Vogelbeere und Amicia zygomeris eröffnen den Rundgang

GB: Torsten, du giltst als Querdenker der gegenwärtigen Gartenszene, dein Buch Avantgardenig wird von Gärtnern und bekannten Planern bei Vorträgen und in den sozialen Medien gelobt. Dein Anliegen ist es, die Gartenkultur in Deutschland hoch zu halten. Wieso in aller Welt willst du eigentlich keine Gartenklamotten anziehen?

TM: Weil ich, zugegeben, zum einen etwas eitel bin und selbst bei der Gartenarbeit einen gewissen Chic – versteht man das Wort überhaupt noch? – pflege. Ich bewahre mir so auch die Illusion, dass es sich bei der Gartenarbeit gar nicht um eine solche handelt. Gartenklamotten sehen so nach Vorsatz aus, während nur eine Rosenschere in der Tasche des Hausmantels am Morgen durchaus noch Platz für einen Funken Hedonismus in der anderen Tasche lässt.

GB: In der einen Hand die Schere, in der anderen vielleicht ein Espresso?

TM: Die Schere vergesse ich auch schon mal. Das ist übrigens ein kubanischer Kaffee, der hier in Kempen geröstet wird. Ich vermute mal, nur wir bereiten ihn wie einen Espresso zu.

Manchmal reicht es schon, nur eine Pflanzung oder einen Garten zu sehen, um die Inspiration ihrer Schöpfer zu spüren.

GB: Gab es eigentlich einen Auslöser dafür, dass du, nachdem deine Lebensgefährtin und du 2004 aufs Land gezogen seid, dachtest: Irgendwas mit der Gartenkultur in Deutschland läuft schief und ich werde mich beruflich einbringen, um daran etwas zu verändern? Wie wurde sozusagen aus Spaß Ernst?

TM: Super Frage, wenn zum Größenwahn keine Berührungsängste vorliegen!
Aber im Ernst, es waren kurze Momente, Impulse und einige Menschen, die bei mir den Wunsch auslösten, selber Gärten anzulegen. Sehr inspirierend waren zum Beispiel Gespräche und Spaziergänge mit Klaus Oetjen, dem Leiter des Botanischen Gartens Alpinum Schatzalp bei Davos. Es ist ein Wahnsinn, was dort für ein herrlicher Garten entstanden ist und ich wünsche mir sehr, dass er endlich mal ein Buch über seine Erfahrungen und sein Wissen schreibt. Manchmal reicht es schon, nur eine Pflanzung oder einen Garten zu sehen, um die Inspiration ihrer Schöpfer zu spüren. So besuchten wir einmal einen Garten – einen der wenigen, – den Henk Gerritsen angelegt hatte. Das war schon ein toller Augenblick und immerhin führte uns dieselbe Reise noch nach Rousham. Es gab aber auch ein paar echte Gärtner-Freunde, die mich warnten, dass eine Begeisterung auch schnell abnehmen kann, wenn man ihr beruflich nachgeht. Hilfreich sind aber ständige Updates, wie Treffen mit Gleichgesinnten oder Besuche von tollen Pflanzungen, wie in diesem Jahr die Arbeit Gräserband von Ingrid Gock auf der IGA Berlin oder die Pflanzung von Petra Pelz in Ahrensburg. Zeig mir mal Planungen, die nach sieben Jahren noch so top draufstehen!

GB: Der Austausch mit Gleichgesinnten ist gewinnbringend, aber wie sieht es flächendeckend mit der Begeisterung für Gärten aus? Was denkst du über die Gartenkultur hierzulande?

TM: Zur Gartenkultur in Deutschland fällt es mir schwer, etwas Nettes zu sagen. Guck dir alleine die Medien an, wie zum Beispiel im TV über das Thema berichtet wird. Nur Eisenbahner- und Meerestiersendungen kommen noch langweiliger daher. „Wann muss ich meinen Rhododendron schneiden, wann dünge ich meinen Rasen oder wann muss ich ihn vertikutieren?“ Man will es kaum glauben, aber eine richtige Antwort könnte auch mal lauten: Nie! Entweder geht es um Einzelschicksale trendiger Gemüsepflanzen irgendwelcher Nerds, meist Stadtbewohner, die Competition mit Alibi-Pflanzen oder gleich ums große Ganze, wenn Preußens Gärten strammstehen. Das TV behandelt seine Patienten gerne wie grenzdebile Ruheständler oder verstrahlte Kids, die angeblich kaum einem Gedanken länger als 20 Sekunden folgen können. Es gibt Ausnahmen. … Ganz wenige. Beim MDR und teilweise im Süden ist die Sonne noch nicht ganz untergegangen. Neulich brachte der WDR ein Fernsehkoch-spricht-über-Balkon-und-Garten-Themen. Ich persönlich höre zum Bügeln dann doch lieber Musik.

Die Alcalthaea (x) suffrutescens ‚Parkfrieden‘ zwischen Gräsern. Einfach mega …

GB: Okay, aber wer sieht heute noch ausschließlich fern? Gibt ja auch noch andere Medien …

TM: Es gibt zwar ein paar gute Zeitschriften, wie die Gartenpaxis, Gartendesign Inspiration und mal eine kraut&rüben, Grüner Anzeiger oder auch mal eine MsG. Aber so richtig nach vorne geht es doch nicht im Print. Selbst die Dutch Illu, gemeint ist Gardens Illustrated, schafft es ja kaum noch, gute Fotografie an den Start zu bringen. Die neben den Gartenzeitschriften ausliegenden Hefte mit Land im Namen kann man ja wohl kaum dazu rechnen. Sind Gartenmenschen wirklich so konservativ, so bieder, so wenig funky, so langweilig und spießig, wie uns diese Hefte weismachen wollen? Und obwohl einige dieser Blumenhefte sehr gute Verkaufszahlen vorweisen können, findet im großen Stil ein Rückbau von Gärten statt. Pflanzflächen werden zu Schotterflächen. Die Besitzer schämen sich nicht einmal. Und der Gärtnernachwuchs will keine Pflanzen mehr kennenlernen, weil die Kunden ja auch keinen Bedarf mehr anmelden. Zum Glück gibt es überall Ausnahmen und Lichtblicke. Mit denen kann man arbeiten!

Muss ernsthaft der ästhetische Wert von pflanzenbefreiten Kiesgärten oder dem aufkommenden Vertikalschotter diskutiert werden?

GB: Was konkret bereitet Dir denn am meisten Sorge?

TM: Jedenfalls sind nicht Gärten das Problem oder das, was von ihnen übriggeblieben ist. Es sind ihre Besitzer, die ihre Pflichten nicht mehr kennen. Pflichten klingt spießig, aber es sind gerne Spießer, die es ordentlich mögen, sauber, zurückgeschnitten, eingefasst und akkurat, bis vom Garten an sich gar nichts mehr zu erkennen ist. Pflegeleicht ist einer ihrer Kampfbegriffe. Was die jüngeren der Banausen nicht mehr müssen und die Älteren erst recht nicht mehr können, ist das Dienen.

GB: Wie ist das zu verstehen?

TM: Ich zitiere da gerne: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. Der erste Satz feiert bald seinen Hundertsten und der zweite ist nur jünger, weil kaum noch jemand nach 49 wusste, was das Gemeine Beste meinte.

GB: Du spielst auf das Grundgesetz an. Was hat dieses mit unseren Vorgärten zu tun?

TM: Würden wir als Gesellschaft diese Sätze aus Artikel 14 mal zur Kenntnis und ernst nehmen, wären kommunale Satzungen denkbar, die diese typischen, lebensfeindlichen Bergsturzschüttungen in Vorgärten unterbinden würden. Muss ernsthaft der ästhetische Wert von pflanzenbefreiten Kiesgärten oder dem aufkommenden Vertikalschotter diskutiert werden? So große Auf- und Einfahrten braucht doch kein Mensch! Einen ökologischen Wert besitzen sie immerhin potentiell. Durch das Abmagern der Böden mit Schotter oder Kies entsteht wieder der Lebensraum, den wichtige Futterpflanzen für Hummeln, Bienen und Schmetterlinge in unserer überdüngten Landschaft so vermissen. Die Gartenbesitzer brauchen nur die Pflege, also das Abspritzen der Flächen, mit RoundUp oder Essigreiniger einzustellen. Dann finden sich die richtigen Bienenweiden von selbst wieder ein. Eine schöne Pointe, finde ich.

Herbstkopfgras und Chinaschilf ‚Red Chief‘ oder: wenn Schnittgut zum heimlichen Hauptdarsteller wird.

GB: Neben der Gestaltung von Vorgärten als Schotterflächen stehst du Buchseinfassungen und preußisch gepflegten Gärten kritisch gegenüber. Im Wesentlichen stehen diese Merkmale für eine Kontrolle des Eigentümers über das ihm anvertraute Stückchen Natur. Mit Rasenflächen sollte ursprünglich für alle Welt sichtbar sein, wie viel Fläche man sich bei höchstem Pflegeaufwand leisten konnte ohne einen erwirtschafteten Ertrag zu erhalten. Also reine Angeberei. Auch diese Form der Gartennutzung kommt bei Dir nicht gut weg. Sind das denn dann nicht vielleicht Gartenformen, die ganz gut zu unserer heutigen Leistungs- und Konsumgesellschaft passen?

TM: Ersetzte das Wort Angeberei doch bitte mal durch die vornehme Repräsentanz, interessanterweise ein Femininum. Ein wichtiger Aspekt des Gartens war tatsächlich einmal die Demonstration von Macht, Wohlstand und leider nicht immer von gutem Geschmack. Das ist bei Oligarchengärten heute oft nicht anders. Was mich an diesen Gärten oft stört ist nicht ihr Prunk, sondern ihre Prunklücken und ihre Respektlosigkeit gegenüber dem Gärtner. Prunk lässt sich nämlich auch hervorragend mit Pflanzen darstellen. Was ist eine Rollrasenfläche gegen den eigenen Park, den eigenen Wald oder von mir aus den eigenen Rosengarten als Parterre vor dem Anwesen? Es gibt genügend moderne Pflanzkonzepte. Da muss man keine schlechten Zitate von Klassikern bringen.
Ich liebe den Barock und vor allen Dingen Rokoko-Kirchen, zumal von den Gärten dieser Zeit nicht viel geblieben ist. Aber versteht man heute noch die Symbolik? Mögen ein paar Kunsthistorikerinnenherzen höher schlagen unter ihren Goldknopfblazern, aber sind sie überhaupt Adressatinnen dieses Prunks? Mich verwundert nur, wenn dieser frische Gartentraum höherer Töchter in bestimmten Kreisen immer noch als die Gartenkultur schlechthin rezipiert wird, die Suche nach modernen Formen der Pracht und des Prunks aber schnell beendet wird.

Es gibt genügend moderne Pflanzkonzepte. Da muss man keine schlechten Zitate von Klassikern bringen.

GB: Wie gehst du ganz praktisch vor, wenn du einen Garten in unbekanntem Terrain anlegen sollst und du als erstes z.B. den Boden analysiert?

TM: Wenn ich erstmalig in einen Garten oder sagen wir besser, zukünftigen Garten komme, interessiert mich der Boden nur am Rande. In der Regel komme ich vorher durch eine mir unbekannte Region mit einer eigenen Topographie, eigenem Klima und oft auch einer sehr eigenen Kulturlandschaft. Da gilt es zuerst mal, eine Inaugenscheinnahme des Umfelds vorzunehmen. Wie setzen sich die Wälder – so vorhanden – zusammen, wie die Weiden? Welche Siedlungsstrukturen gibt es, wie wird gebaut und, um mal sehr konkret zu werden: Was wächst dort in den Gärten? Aufschlussreich sind auch Besuche in lokalen Gärtnereien und Baumschulen. Danach weißt du, wie kalt die Winter werden können, welche Pflanzen das Landschaftsbild prägen und hast eine erste Idee von den Böden. Und du bekommst auch eine Idee von der typischen Gartenkultur vor Ort. Es gibt in dieser Hinsicht auch in Deutschland noch viele lebendige und schöne Gegenden, wo Kies nur auf Einfahrten liegt und Gabionen der Hangbefestigung dienen.

GB: Wie geht es dann weiter? Gibt es einen ritualisierten Ablauf?

TM: Das hängt davon ab, was man vor Ort vorfindet. Eine Baustelle oder einen bestehenden Garten? Mich interessiert sehr, was dort bereits wächst. Dabei ist es fast egal, ob es sich um Spontanbewuchs oder um Gepflanztes handelt. Schwierig wird es nur, wenn künstlich und automatisiert bewässert wird, denn das verfälscht das Bild. Dann sind Pflanzen möglich, die an diesem Standort sonst eingehen würden, weil es ihnen zu trocken oder nicht gleichmäßig feucht genug ist. Dabei geht es nicht um einmaliges Wässern während einer trockenen Periode, sondern um eine ständige Optimierung der verfügbaren Wassermenge. Theoretisch lässt sich mit modernen Bewässerungsanlagen eine optimale Wasserversorgung für eine bestimmte Pflanzengesellschaft einrichten. Ich wüsste gerne mal, wie lange solche integrierten Systeme im Durchschnitt halten. Dass es funktioniert, beweist ja der Gemüseanbau unter Glas und selbst tropische Pflanzungen sind mit der entsprechenden Wartung realisierbar.

GB: Was genau bedeutet Spontanbewuchs?

TM: Das sind oft pro Standort nur 7 bis 12 kurzlebige Pflanzen, zumeist einjährige, die leicht zu identifizieren sind. Ältere Nachbarn können da oft bei der Bestimmung helfen. Sie wissen auch, wie wüchsig diese Pflanzen sonst am Standort sind. Nehmen wir mal die beliebte Große Brennnessel, ein Zeichen für Stickstoff, den wir in den meisten Gärten aber auch gut gebrauchen können. Nun kann sie aber Wuchshöhen von 30 Zentimetern bis zu 3 Metern erreichen. Letzteres deutet auf sehr viel Stickstoff und einen sehr frischen bis gleichmäßig feuchten Boden hin. Gerade solche extremeren Standorte im Garten gilt es zu identifizieren, als Chance zu begreifen und angemessen zu bepflanzen. Es gibt eine Reihe von Gehölzen und Stauden, die einen solchen Standort lieben und auf anderen eher kümmern. Amurkorkbäume etwa oder auf kalkhaltigen Böden Eschen, die ja angeblich in Deutschland aussterben, sowie Mandel- und Korbweiden.

Helianthus salicifolius var. orgialis, die Weidenblättrige Sonnenblume vor Windrädern.

GB: Was für Böden sind eine Herausforderung?

TM: Ein echtes Problem sind verdichtete Böden, oft als Folge von Ignoranz. Auf Baustellen findet das Problem kaum Beachtung und selbst Gärtner übersehen es und pflanzen fröhlich vor sich hin. Zwar gibt es auch eine Reihe von Pflanzen, die sich auf solchen Böden wohlfühlen, aber so richtig Spaß macht das Gärtnern damit nicht. Ich kenne eine Reihe von Gärtnern, die, wenn sie zu einem Problem im Garten gerufen werden, schon darauf wetten können, dass das Lösungswort Bodenverdichtung lauten wird.

GB: Es wird ja in der Regel empfohlen, bei Neuanlage eines Gartens zunächst einmal seinen Boden zu analysieren. Welchen Irrtümern sitzt man möglicherweise bei einer Bodenanalyse auf? Welche Klippen gilt es zu umschiffen?

TM: Der klassische Weg ist eine Bodenanalyse im Labor. Dazu entnimmst du im besten Falle an mehreren Stellen und über das Jahr verteilt Proben. Diese Ergebnisse sollten im Einklang mit den Schlüssen stehen, die du aus den vorgefunden Pflanzen gezogen hast. Das können die bereits erwähnten, vorhandenen Gartenpflanzen sein oder sogenannte Zeigerpflanzen, die dort spontan vorkommen. Wenn die Pflanzen auf einen kalkhaltigen Lehmboden hindeuten, ist eher nicht zu erwarten, dass die Bodenanalyse einen sauren Sandboden attestiert. Es gilt aber immer, einen Abgleich mit dem Wetter, insbesondere mit den Niederschlägen über den Beobachtungszeitraum vorzunehmen. Gerade in den letzten Jahren war das Wetter in vielen Regionen sehr, sagen wir mal: unausgewogen. Extreme Regenfälle wechseln sich ab mit Phasen extremer Trockenheit. Außerdem ist es insgesamt mal zu viel, mal zu wenig Niederschlag im Jahr. Das begünstigt kurzfristig Pflanzen, die mit solchen Extremen gut umgehen können, und benachteiligt andere Pflanzen, die unter diesem Stress eingehen. Hier gilt es dann, langfristig einen guten Kompromiss bei der Pflanzenauswahl für den Garten zu finden. Insbesondere beim Problem Trockenheit über einen längeren Zeitraum müssen die Kunden ja nicht tatenlos zusehen, bis nicht nur die Stauden eingezogen sind, sondern auch die Gehölze ihre Welke erreicht haben.

Herbstastern und ein kleines bisschen Sonnenhut.

GB: Wenn man das Spektrum der Pflanzen im heimischen Garten möglichst breit halten will, spricht ja das, was du über das Wetter der letzten Jahre berichtest, dafür, dass es erstrebenswert ist, einen Boden zu haben, der Wasser zum einen gut aufnimmt und zum anderen eben auch bestmöglich halten kann. Gibt es da Möglichkeiten den Boden in diese beiden Richtungen zu optimieren?

TM: Die Frage hierbei ist, ob sich Bodenstrukturen überhaupt nachhaltig verändern lassen. Nimm einmal schluffige und tonhaltige Böden, gerne noch mit einer Tonschicht in 40 Zentimeter bis einen Meter Tiefe. Die brauchen gar keine Baumaschinen, um zügig und hoch zu verdichten, wenn sie nicht adäquat bepflanzt werden. Wieviel Sand oder Splitt willst du in diese Böden einarbeiten, um die Durchlässigkeit zu erhöhen und eine Belüftung zu erreichen? Und Rollrasen ist hier auch keine Antwort!
Gut, was wäre eine adäquate Pflanzung? Bei verdichteten Böden muss man unterscheiden, ob sie regelmäßig unter Wasser stehen, nur wechselfeucht sind oder eher verdichtet und trocken, gerne in Hanglagen. Es gibt eine Reihe von Stauden, einige davon Großstauden, die konkret auf wechselfeuchten Böden gut gedeihen, wie Kandelaber-Ehrenpreis, Wiesenrauten, Blutweiderich, Astrantien, Schlangen- oder Kerzenknöterich, Amerikanisches Mädesüß und eine Reihe von Seggen, Rasenschmiele und Kopfgräser.
Das andere Extrem sind zu durchlässige Böden, die weder Wasser noch Humus noch Nährstoffe halten. Hier ist es wichtig, eine Humusschicht zu bilden und zu halten. Offener Boden ist dabei unbedingt zu verhindern. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von Pflanzen, die genau in einem solchen Milieu perfekt gedeihen, wenn sie nur einmal eingewachsen sind. Es ist also nicht notwendig, jeden Gartenboden in einen Gemüseboden für Stark- und Mittelzehrer zu verwandeln. Mit vielen Gegebenheiten kann man sehr gut arbeiten.

Du kannst einen Gegenstand aus vielen Perspektiven betrachten. Neben der allgemeinen gibt es die kontroverse Sicht auf die Dinge. Spannend wird es, wenn weitere Blickwinkel hinzukommen.

GB: Aufmerksamkeit erntest Du für deinen Giersch-Garten, ein Unkraut, das bei vielen Gärtnern ganz oben auf der Abschussliste stünde, gäbe es die Möglichkeit, ihn ohne immensen Aufwand los zu werden. Du integrierst dieses Unkraut nun in die Pflanzung. Für welchen Gedanken steht dieser Garten?

TM: Entweder ist Giersch der Satan oder es kommen Rezeptempfehlungen für Gierschspinat, -strudel oder -pesto. Der Gierschgarten war vor vielen Jahren einmal als Staudengarten in einem sonnigen Innenhof angelegt worden, mit Astern, staudigen Sonnenblumen, Frauenmantel, Salbei, Hortensien und Rosen. Letztere waren bestimmt vorher schon dort, wie auch eine wunderbar gewachsene Sternmagnolie. An den Innenhof grenzen ein Planungsbüro, einige Wohnungen und ein Ladenlokal. Eine Bewohnerin mit guten Pflanzenkenntnissen hatte sich bereit erklärt, die zukünftige Pflege zu übernehmen. Trotzdem stand die Frage an, wie man den Giersch, der sich über den gesamten Garten verteilt hatte, in den Griff bekommen sollte. Wir hätten den Boden austauschen können, wobei sich der Giersch auch gerne in den Wurzeln der Bäume versteckt. Der Einsatz von Chemikalien wäre erfolgversprechender gewesen, wurde aber von den Bewohnern nicht mal erwogen. Ebenso wenig wie eine schwarze Folie, die dort für Jahre hätte liegen müssen. Also entstand eine Liste mit Stauden und Gräsern, die sich im Giersch durchsetzen und langfristig halten können. Orientierungshilfe waren dabei die Pflanzen, die sich dort bereits behaupteten. Interessant ist aus heutiger Sicht, dass nicht mehr Pflanzen ausfielen als bei einer normalen Staudenpflanzung auf einem gut vorbereiteten Boden.
Du kannst einen Gegenstand aus vielen Perspektiven betrachten. Neben der allgemeinen gibt es die kontroverse Sicht auf die Dinge. Spannend wird es, wenn weitere Blickwinkel hinzukommen. Wir nahmen das Unkraut Giersch einfach als bereits etablierten Bodendecker an und verschwendeten keine Zeit mehr in seine Bekämpfung. Heute, nach zwei Jahren, braucht die Fläche schon erheblich weniger Pflege als eine typische Staudenpflanzung und zum Ende des Sommers musst du ihn sogar suchen.

Persicaria microcephala ‚Red Dragon‘ und die wohlduftenden Samenstände vom Wasserdost.

GB: Geht man durch deinen Garten, trifft man auf ein eher exotisches Sortiment. Warum sollen es gerne Exoten für die jeweiligen Nischen/Lebensräume sein? Man könnte ja auch die heimischen Experten der jeweiligen Nische aufpflanzen?

TM: Nur weil ich mich mit Exoten beschäftige, heißt das nicht, dass ich heimischen Experten nicht den Vorzug gewähren würde. Wenn sich heimische Experten denn noch als geeignet erweisen. Immerhin gibt es einen Klimawandel und da stellt sich schon manche Frage, welche der Heimischen zu stark an das bisherige, heimische Klima gewöhnt sind und welche tolerant genug gegenüber den anstehenden, prognostizierten oder befürchteten Veränderungen sind. Nebenbei: Vor der letzten Eiszeit wuchsen hier am Niederrhein Mammutbäume, Sumpfzypressen und insgesamt hatten wir Gärtner eine viel höhere Diversität an Pflanzen zur Auswahl. Was nützt es uns, wenn wir – Naturschutz hin oder her – nur noch heimische Gehölze pflanzen, die hier aber kaum noch auf eine Lebenserwartung von mehr als 30 oder 50 Jahre kommen? Versuch’ mal, mit Dendrologen über geeignete und zukünftige Alleebäume zu sprechen. Gelegentlich habe ich den Eindruck, dass die Forderung – auch von kommunaler Seite – nur gebietsheimische Gehölze zu verwenden, auch eine Verhinderungspolitik darstellt. Stauden und Gräser sind zumeist kurzlebiger, leichter zu ergänzen oder zu ersetzen als Gehölze.
Eine andere Nische hat weniger mit dem Klima zu tun: Die Gärten werden immer kleiner und damit auch die Hausbäume, so noch welche gepflanzt werden. Ich beobachte hierzu zahlreiche, eher kleinbleibende Gehölze, wie zum Beispiel viele Sorbus-Arten in einem befreundeten Garten, die wir dort vor Jahren aufgepflanzt haben, darunter sehr seltene Arten, die hier kaum im Handel erhältlich sind. Solange es Baumschulen wie Schwieters im Münsterland oder die Herrenkamper Gärten gibt, mache ich mir wenig Sorgen um Nachschub.

GB: Aber es gibt ja auch umstrittene Exoten…

TM: Die ganze Sache ist ja erheblich komplexer geworden. Was früher mit dem Eis eine Wanderung in den Süden oder die eisfreien Regionen bedeutete und dann wieder zurück, ist heute ja viel durchlässiger geworden. Moderne und schnelle Transportwege bringen nicht nur Pflanzen, sondern auch Insekten, Sporen und Pilze von überall her und nach überall hin. Zumindest theoretisch ist das Potential der Durchmischung, ob nun gewollt oder versehentlich, viel höher. Das birgt sehr viele Chancen, aber immer auch ein paar unvorhersehbare Risiken, zum Teil mit fatalen Auswirkungen.
Einige Forstwirte in den USA können nicht darüber lachen, dass sich dort der Blauglockenbaum (Paulownia tomentosa) im Unterholz breitmacht und das Heft übernimmt. Wir haben den Japanknöterich, die Herkulesstaude, um die es etwas ruhiger geworden ist, und langsam erkennen wir auch, was für eine Problempflanze der Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii) ist, den eine bekannte Naturschutzorganisation immer noch als Hummelweide empfiehlt, während er in der Schweiz schon nicht mehr gehandelt wird.

Wir brauchen schon heute weniger Monokulturen!

GB: Deine Prognose, bereits in 30 bis 50 Jahren könnten gängige Arten den sich verändernden klimatischen Bedingungen zum Opfer gefallen sein, wirkt im ersten Moment dramatisch. Wie bereitest du dich bzw. wie sollten wir uns bei einer Pflanzenauswahl auf die Veränderungen vorbereiten?

TM: Wir brauchen schon heute weniger Monokulturen! Viele Gehölze und fast alle Rosen außer den Wildrosen, werden veredelt, das heißt auf einer Unterlage wachsen vegetativ vermehrte Sorten, quasi Klone einer Ausgangspflanze. Das bedeutet, dass sich ein Virus, ein Pilz oder ein Schadinsekt nur auf ein spezielles Individuum einstellen und nicht noch mit verschiedenen Varianten rechnen muss. Computerviren haben es auch leichter mit der Verbreitung, wenn auf allen Rechnern dieselbe Software läuft.
Dann gibt es Zusammenhänge, die stärker in den Fokus der Gärtnernden rücken sollten. Die forschende Chemie war immer so nett, uns Lösungen für Probleme zu präsentieren, die wir ohne sie oder ohne die – mir fällt nun kein netteres Wort ein – Ignoranz gehabt hätten. Alleine das Sortiment an Mittelchen der Rosenfreunde ist beachtlich. Gegen jede Blattkrankheit, gegen jeden Schädling, gegen einfach jedes Angriffsszenario gibt es ein Abwehrmittel. Auf die Idee, Futter und Unterschlupf für Nützlinge bereit zu halten, kommen die Wenigsten.
Es wird immer nur der Fokus auf das Schöne gerichtet, ein schöner Baum, eine schöne Rose werden gepflanzt, aber das Nützliche wird gerne vergessen oder nach hinten gestellt. Wir müssen den Menschen ja keine Fotos von den nützlichen Schlupfwespen zeigen, deren Lebensraum wir ausbauen sollten. Gucken wir mal in den Wikipedia-Eintrag zur Rosskastanienminiermotte (Cameraria ohridella), die neben dem Wetter und dem Schlauchpilz für eine Schwächung der Rosskastanien sorgen, konkret bewirkt durch die Fraßgänge der Larven. Unter Bekämpfung finden wir tatsächlich zuerst „Chemische Präparate“, dann die eher unwirksame „Bekämpfung mit Sexuallockstoffen“ und danach erst „Natürliche Feinde“. Was sagt uns das? Die Wikipedia berücksichtigt zuerst Industrieinteressen, bevor sie biologische Zusammenhänge erklärt. Das ist doch, mit Verlaub, ein bisschen pervers, oder? Von mir kriegen die schon länger kein Geld mehr!
Ich weiß, dass ich deine Frage nicht beantwortet habe. Wie soll ich heute wissen, welche Gehölze in 20, 30 Jahren noch gesund in den Vorgärten stehen? Wir beobachten gerade ein paar extremere Wetterlagen, also solche, über die Gärtner auch Monate später noch sprechen, und einige Gehölze leiden und erweisen sich als anfälliger für Schädlinge. Oder auch mal für extreme Sturmsituationen.

Persicaria runcinata

GB: Viele Klimaprognosen gehen von steigenden Temperaturen, längeren Trockenperioden im Sommer, nassen Wintern und vermehrten Stürmen aus. Also eine Zuspitzung dessen, was du gerade beschrieben hast. Auf welche Strategie setzt du?

TM: Diversität und Beobachtung sind wichtig. Beobachtung meint im Übrigen auch, Gefahren rechtzeitig zu erkennen und zu handeln. Neulich war ich sehr traurig, weil ein Gallen-Sumach (Rhus chinensis) kurz vor der Blüte einem Orkan zum Opfer fiel. Das gut 4 Meter hohe Exemplar brach fast völlig weg und nun steht dort ein Stamm von 60 Zentimeter Höhe. Nun wird es etwas länger dauern, bis wir wissen, ob er sich hier gut und reichlich versamt oder eher harmlos bleibt. Unter den Stauden ist übrigens Eupatorium capillifolium die einzige, die bisher rausgeflogen ist. Dass es Kultivare von Floridas Ackerunkraut Nr. 1 gibt, die steril sind, glaube ich nicht. Das wissen wir erst, wenn weitere Klone in den Handel kommen.

Wer Glyphosat isoliert untersucht und nicht die in der Landwirtschaft verwendeten Rezepturen, handelt nicht wissenschaftlich.

GB: Kürzlich wurde in der Zeitschrift PLOS ONE eine Langzeitstudie veröffentlicht, in der nachgewiesen werden konnte, dass in Deutschland die Insektenbiomasse seit 1989 um 75% geschrumpft ist. Die Gründe bleiben offen, aber Pestizide werden nicht ausgeschlossen. Die Europäische Umweltargentur EEA bringt jedoch zumindest das Bienen- und Schmetterlingssterben mit Neonicotinoiden in Zusammenhang, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden…

TM: Wenn Du mal unter starker Fröhlichkeit leidest, dann schlage einmal die Suchbegriffe „Pflanzenschutzmittel Liste Porree“ oder ein beliebiges anderes Gemüse in der Suchmaschine des Vertrauens nach. Guten Appetit! Würde man diesen Cocktail auf den Menschen übertragen, müssten wir jeden Monat mindestens ein Breitbandantibiotikum zu uns nehmen. Als Prophylaxe. Und das viel diskutierte Glyphosat wird es auch in 20 Jahren noch geben, denn es ist praktisch in der Anwendung, vergleichsweise ungiftig und ein Riesenmarkt. Außerdem hat es unsere Umwelt bereits derart kontaminiert, dass Studien über die Wirkungsweise kleiner Dosen unmöglich geworden sind, weil wir keine Vergleichsgruppe fänden, die unbelastet von Glyphosat wäre. Übrigens ist nicht Glyphosat das Problem, sondern Pestizide, in denen Glyphosat durch Beimischung von Anhaftungsmitteln oder durch Mittel, die es in die Zellen transportieren, überhaupt erst wirksam gemacht wird. Da zeigt sich dann auch erst die Krebswirkung in den Studien. Wer Glyphosat isoliert untersucht und nicht die in der Landwirtschaft verwendeten Rezepturen, handelt nicht wissenschaftlich. Zumindest nicht im Sinne der Konsumenten von Agrarprodukten und Trinkwasser.

Sichtschutzelemente in ihrer wohl lässigsten Verwendungsform.

GB: Als Buchautor, Redner und Planer wirst du selbst aktiv, Menschen dazu zu ermuntern, ihren guten Geschmack in den Garten hinauszutragen. Ich verstand dich im Gespräch so, dass du Gärten als gleichwertige Ausdrucksform zu anderen Künsten geschätzt sehen möchtest. Ich war auch immer verwundert darüber, wie klein die Rolle der Gartenkunst in der Kunstgeschichte ist. Schlossgärten werden als temporäre Ausstellungsmöglichkeiten genutzt, die in keiner Weise den Gestaltungsregeln der Gartenanlage berücksichtigen und so den Mangel an Feingefühl für das Gartenkunstwerk offensichtlich werden lassen. Was meinst du muss in der Breite getan werden, damit sich Menschen vom Fernseher erheben, für das Thema Garten sensibilisiert werden und Garten sogar neu denken?

TM: Wenn der allgemeine Rückgang an Insekten und Tagfaltern noch nicht ausreicht, um einen Gesinnungswandel zu vollziehen, sei die Frage erlaubt, wann Nothilfe gegen Verschotterung geboten und zulässig wird, und wie diese aussehen kann. Wird Seedbombing das Graffiti der 20er? In China ist man schon weiter und bestäubt bereits seit einigen Jahren per Hand. Mit einer neueren Untersuchung belegen sie angeblich, dass diese Form der Bestäubung zuverlässiger und ergiebiger ist. Man kann sich wirklich alles schönreden.
Vielleicht haben wir aber noch Gelegenheit, den Garten als Raum von Kultur und der Bejahung des Lebendigen zu erleben. Statt der Kunst ist er viel zu oft nur Deko oder gar Kulisse für andere Deko. In Berlin sollte jüngst ein seit fast zwei Jahrzehnten existierender Staudengarten im öffentlichen Raum, am Olivaer Platz, verkleinert und zukünftig als Deko-Kulisse für ein dort zu errichtendes Kunstwerkt dienen. Was die Freunde des neuen Kunstwerkes wohl gar nicht auf dem Zettel hatten, war, dass dort ja bereits ein Kunstwerk stand, das selbst Integrität, also Schutz vor Eingriffen und Zerstörung, genießen sollte.

Will Ich! … Chinsesisches Süßholz (Glycyrrhiza yunnanensis)

GB: Zum Abschluss: Welche Persönlichkeit, ganz unabhängig vom Garten, inspiriert dich derzeit am meisten und natürlich warum?

TM: Es gibt nicht die große Inspiration durch eine Person. Persönlichkeiten funktionieren oder konstituieren sich in der Regel durch Projekte und ihre Medieneignung. Das gibt es sogar bei Gärtnern und ich beobachte das mit Interesse, weil ich mich für Medien und Gartenthemen interessiere. Aber ein Inspirieren ist doch auf diesem Wege kaum möglich.
Eine Persönlichkeit möchte ich schon benennen. Ich habe die lange Achse in unserem Garten Edward Snowden Boulevard genannt. Er inspiriert mich zwar nicht, aber hoffentlich viele Menschen, die in bestimmten Organisationen arbeiten. Wäre den Menschen ihre Privatsphäre wirklich wichtig, wäre sie nicht auf das Bedürfnis nach Sichtschutz im Garten beschränkt.

GB: Lieber Torsten, vielen Dank für das Gespräch, deine Zeit und deine direkte Aktion.

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„Gärten sind lebendig. Sie sind einfach spannend.“

GRÜNES BLUT trifft den ehemaligen hessischen Gartendirektor Dr. Bernd Modrow in seinem Garten auf der Insel Usedom, die in den letzten Jahren nach der Verrentung seine Heimat geworden ist.


 

Mit Herrn Dr. Modrow wurde mein Herz grün. Bereits ernsthaft in Gärten verliebt, war er mein erster Kontakt in die Gartenwelt. Damals gab er an der Goethe-Universität Frankfurt als ehemaliger Gartendirektor der hessischen Schlösser- und Gartenverwaltung Seminare für Gartenkunst und befeuerte meinen Gedanken, parallel zu meinem Studium eine Lehre zur Gärtnerin zu absolvieren. Seitdem sind rund zehn Jahre vergangen und es freute mich sehr, dass er nach dieser langen Zeit sofort bereit war, bei meinem Projekt “Grünes Blut” mitzumachen.
Bevor wir mit dem Interview beginnen, begeben wir uns bei allerschönstem Herbstwetter auf einen Rundgang durch seinen Garten. Ich war mehr als gespannt, was ein Gartendirektor für einen Garten planen und anlegen würde … Das Grundprinzip bei der Planung sei für ihn, ganz Landschaftsgarten-like, gewesen, Kulissen zu bilden, also Pflanzungen in den Gartenraum hinein zu führen und so das 130 m lange und 30 m breite Grundstück weiter erscheinen zu lassen.
Bei unserem Rundgang wird spürbar, welch hohen emotionalen Wert die Gehölze in seinem Garten für Herrn Dr. Modrow besitzen. So kaufte er in einem Supermarkt kurzentschlossen 100 Buchspflänzchen und brachte Sie im unteren Teil seines Gartens als Beetumpflanzung ein. Seine vier Maulbeerbäume bekam er von Herrn Dr. Michael Seiler, dem ehemaligen Gartendirektor der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten als Geschenk. Zwei Kiefern, die neben seiner kleinen aber feinen Orangerie stehen, rettete er an einem Wintertag, als er sie, nach einem Sturm, nur noch an wenigen Wurzeln hängend, an der Steilküste von Bansin vorfand. Als Anspielung auf den Mythos von Philemon und Baucis pflanzte er an zwei Stellen seines Gartens nebeneinander Eiche und Linde. Kundig berichtet er über die Wuchsfortschritte von Trauerweide, Lärchen und Kiefern … und während er erzählt, beginne ich mir zu wünschen, in seinem Alter auch noch so staunen zu können, so empfindsam für die scheinbar kleinen Dinge zu sein.
Das Interview führen wir, in der Orangerie sitzend, vor der monumentalen Wand, welche Herr Dr. Modrow humorvoll als „sein Denkmal” bezeichnet. Von hier, so sagt er, habe man den schönsten Blick auf seinen Garten.

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Der Blick aus der Orangerie entlang der Capinus-Säulen, die den unteren Gartenteil mit dem oberen visuell verbinden sollen.

GB: Was hat für Sie in all den Jahren, in denen Sie sich praktisch und theoretisch mit Gärten beschäftigen, die Faszination an Gärten allgemein für Sie ausgemacht?

BM: (überlegt) An Gärten finde ich wunderschön, dass man etwas macht, was sich weiterentwickelt, was nicht statisch ist, und ich diese Weiterentwicklung in einer gewissen Weise beeinflussen oder sogar bestimmen kann. Vieles kommt dann zwar anders, als ich es wollte, aber ich denke, es ist immer ein Spannungsbereich, eine Ungewissheit, wie sich der Garten, die Pflanzen, die Pflanzengemeinschaft weiterentwickeln. All das zu verfolgen, ist für mich etwas Besonderes und das erlebe ich jetzt hier in meinem eigenen Garten, wo ich Zeit habe und ich mir ständig die Pflanzen ansehen und verfolgen kann, wie sie wachsen oder eben auch nicht. Gärten sind lebendig. Sie sind einfach spannend.

Ich habe gelernt, dass sich ein Vormittag im Winter, alleine bei Regen, mit oder ohne Regenschirm vorzüglich dazu eignet, einen Garten kennenzulernen.

GB: Auch vor dem Hintergrund, dass Gärten immer auch Ausdruck einer speziellen Persönlichkeit sind?

BM: Eindeutig. Garten und Gärtner bilden eine Einheit, eine Symbiose. Deshalb war es für mich immer wichtig, dass der/die verantwortliche Gärtner/in in der Außenstelle möglichst lange an dem jeweiligen Ort tätig ist, so dass über viele Jahre eine Kontinuität besteht. Wenn nur ein Pflegetrupp durch den Garten zieht, der mal eben Rasen mäht, Hecken schneidet oder ähnliches, kann sich diese spezielle Persönlichkeit oder dieses Besondere eines Gartens gar nicht herausstellen.

GB: Meinen Sie damit, dass man einem Gartenweg auch fünf-, zehn-, hundertmal gegangen sein muss, bis man einen Gartenbereich verstanden hat?

BM: Unbedingt. Es ist wichtig etwas zur Geschichte des Gartens zu wissen, um ihn verstehen zu können. Wenn man aber nun gar nichts weiß, kann man den Garten natürlich kaum erleben, wenn man einmal schnell da durchgeht. Also ja, man muss Wege schon öfter gehen, um den besonderen Charakter des Gartens zu erleben. Zudem ist das Erleben auch abhängig von der Jahres- und natürlich Tageszeit. Ich habe gelernt, dass sich ein Vormittag im Winter, alleine bei Regen, mit oder ohne Regenschirm vorzüglich dazu eignet, einen Garten kennenzulernen. Es ist kein Laub da, man sieht die Strukturen des ganzen Gartens, man wird nicht durch Geräusche oder andere Menschen abgelenkt und kann überall hindurchblicken. Also: bei Regen, im Winter!

GB: Klingt einladend. Dann ist dies ja aktuell perfekt für Gartenexkursionen …

BM: Ja, so habe ich den Park Schönbusch in Aschaffenburg beispielsweise kennengelernt. Als ich zum ersten Mal dort war, war es so ein Tag.

Zunächst sollte die kleine Hütte, in der Holz gelagert wird, abgerissen werden. Dann aber gefiel sie doch so gut, dass sie einen neuen Anstrich bekam und blieb.

GB: Als Sie zu Beginn der 80er-Jahre in Hessen als Gartendirektor angefangen haben, waren viele der Anlagen der VSG (Verwaltung staatlicher Schlösser und Gärten Hessen) in rudimentären Zustand. Wie sah die Gesamtsituation zu Beginn aus?

BM: Rudimentärer Zustand ist sicher nicht zutreffend. Die Bürger sahen und nutzten die historischen Gärten eher als „schöne“ Grünflächen. Was ich darunter verstehe werde ich noch erläutern. Die Stelle des Gartendirektors hatte zuvor Dr. Hoffmann inne, sie war aber schon für mehrere Jahre vakant und wurde zwischenzeitlich vertretungsweise durch einen Mitarbeiter besetzt. Dieter Hennebo und Alfred Hoffmann waren als Gespann die hochkarätigen Gartenkunst-Kenner und Fachleute. Mein wissenschaftlicher Mitarbeiter, der einen Monat vor mir zur Schlösserverwaltung kam, und ich traten somit in große Fußstapfen. Infolge der Vakanz hatte sich einiges verändert und es war schon etwas abenteuerlich: kein Büro, die Pläne lagen irgendwo auf einem Haufen, auch bei den Akten und sonstigen Unterlagen herrschte ein gewisses Durcheinander. Immer wieder hieß es, wenn wir nach Unterlagen zu den Gärten suchten, es gäbe nichts. Wir versuchten also, mehr zu den Gärten zu erfahren, und stellten in gemeinsamer Arbeit mit den Außenstellen fest, dass wir in den Archiven doch meist etwas fanden, obwohl es offiziell oft hieß, alles sei im Krieg verbrannt.
Wir sind es dann systematisch angegangen, indem wir Parkpflegewerke erstellten bzw. erarbeiten ließen. Eine Plankammer wurde aufgebaut, das zielgerichtete Sammeln von Archivunterlagen erfolgte.

GB: Auf welchem Stand war die Denkmalpflege damals zu Ihrer Anfangszeit?

BM: Als ich in den 80er-Jahren begann, blickten wir auf eine mehr kreative, schöpferische Denkmalpflege zurück. Zum Beispiel präsentierten sich der Klostergarten Seligenstadt oder der Prinz-Georg-Garten in Darmstadt in barockisierender Weise. Mit dem ursprünglichen Garten hatte das aber gar nicht so schrecklich viel zu tun. Dies fanden wir heraus, als wir uns systematisch, forschend mit der Geschichte der Anlagen befassten, eben auch im Rahmen der Erstellung von Parkpflegewerken. Die wissenschaftliche Gartendenkmalpflege nimmt Bezug auf das, was vor Ort noch vorhanden ist und stützt sich auf Unterlagen, alte Pläne, Dokumentationen und Beschreibungen was systematisch erforscht und analysiert wird.

GB: Hat man damals also ein barockes Ideal auf ein Gartenareal, einen Garten übertragen?

BM: Bezogen auf die Pflanzenverwendung kann man es etwa so sagen. Man hat zwar auch versucht, historische Pflanzen einzubringen, aber am Ende nahm man dann doch Begonien und Pflanzen aus dem Baumarkt, weil „die Besucher das so schön bunt haben wollten“. Aufbauend auf den Erfahrungen der Gartendenkmalpflege in Schwetzingen mit dem barocken Parterre oder in Berlin mit der Kultur und Präsentation von alten Pflanzen, war die Gartendenkmalpflege zu meiner Zeit so weit, dass Pflanzen kultiviert und präsentiert wurden, die zu dem jeweiligen Zeithorizont passten.

Mein Anliegen war es, die Gärten, die unter Denkmalschutz stehen, in der öffentlichen Wahrnehmung als eigenständige Kunstwerke zu etablieren, welche nicht für eine beliebige Nutzung zur Verfügung stehen.

GB: War die Gartendenkmalpflege nach dem 2. Weltkrieg noch in der Findung und wurde erst in ihrer Amtszeit zu dem, was sie heute ist?

BM: Ja genau. Die auf historischen Quellen fundierende Gartendenkmalpflege war ziemlich jung und wurde in den 70er, 80er-Jahren eigentlich nur in West-Berlin praktiziert. Nach der Wende beeindruckte uns die Gartendenkmalpflege der ehemaligen DDR. Dort gab es bereits seit langem eine institutionalisierte Gartendenkmalpflege. Was mich damals vor allem erstaunte, war das große Wissen, das in jedem Institut der Gartendenkmalpflege oder in den Gartendirektionen der großen Parks vorhanden war. Dort gab es neben den Praktikern auch Wissenschaftler, die ausschließlich damit beschäftigt waren, die Geschichte der jeweiligen Gärten aufzuarbeiten. Bemerkenswert war auch, dass man zum Beispiel in Bad Muskau den neuen Baum in den Standort des alten pflanzte, nachdem er gefällt worden war. Ich sah einen Teil meiner Aufgabe bei der Schlösserverwaltung darin, mich zunächst rein theoretisch mit der Geschichte eines Gartens auseinander zu setzen. Wie ist der Garten entstanden? Wie waren die gesellschaftlichen Verhältnisse, als er angelegt wurde? Wie hat er sich im Laufe der Zeit entwickelt und wie soll sich der Garten zukünftig zeigen? Die Erkenntnisse habe ich versucht, an die verantwortlichen Gärtner vor Ort weiterzugeben.

GB: Ich meine mich zu erinnern, dass im Schlossgarten Charlottenburg auch schon vorrätig von den einzelnen Bäumen Ableger gezogen werden: für den Fall, dass der Baum irgendwann ausfällt …

MB: … um dann schon die eigenen Klone zu haben. Das haben wir in Bad Homburg öfter mit der Libanonzeder versucht, aber es klappte nicht so recht. Es wurde von uns aber auch nicht so intensiv weiterverfolgt. Wir bezogen unsere Pflanzen über Baumschulen und hatten eigene Baumschulen in Kassel. In den kleineren Parks bestanden Gehölz- und Stauden-Quartiere.

Der Teich! Denn Wasser durfte auf gar keinen Fall fehlen. Neben den Goldfischen und Fröschen finden sich hier auch Schlangen ein. Die junge Trauerweide nimmt seit kurzem erst ihre typisch gebeugte Haltung ein.

GB: Was ist für Sie das Produkt Gartendenkmalpflege? Warum ist sie wichtig?

BM: Am Anfang meiner Tätigkeit wurden die historischen Gärten eher als Grünflächen in den Gemeinden angesehen, die dafür bereit zu stehen hatten, wenn irgendwo eine neue Straße gebaut werden oder ein neues Baugebiet entstehen sollte. Oder sie waren beliebige Veranstaltungsorte. Das jährliche Reitturnier in Biebrich, einem von Friedrich Ludwig von Sckell geschaffenen Park, war viele Jahre lang so ein Fall, wo die Veranstalter davon ausgingen, man könne sich der Flächen einfach bedienen. Mein Anliegen war es, die Gärten, die unter Denkmalschutz stehen, in der öffentlichen Wahrnehmung als eigenständige Kunstwerke zu etablieren, welche nicht für eine beliebige Nutzung zur Verfügung stehen.

GB: Historische Gartenanlagen werden ja heute gelegentlich als temporäre Ausstellungsorte für Skulpturen genutzt. Befruchtet oder reduziert das Ihrer Meinung nach eher den Wert des Gartenkunstwerks.

BM: Hier denken sie sicherlich an Ausstellungen wie die im Kurpark Bad Homburg, einer Parkschöpfung von Lenné. Die Skulpturen werden in den Lennéschen Blickachsen aufgestellt. Die Gestaltungsprinzipien der Blickachsen lagen bei Lenné darin, durch eine ganz bestimmte Geländemodellierung, durch die Wahl der Pflanzen, Skulpturen und Baulichkeiten komponierte Blicke oder Bilder zu erzeugen, die man erleben kann, wenn man als Spaziergänger durch den Park geht. Wenn jetzt eine temporäre Ausstellung in diesen Blickachsen installiert wird, muss man sich bewusst machen, dass sie die Gestaltung des Gartenkünstlers beeinflusst. Das halte ich für einen Eingriff in das Gartenkunstwerk.
Ich möchte ein provozierendes Beispiel anführen: Ein hervorragender Maler versucht, auf einem wertvollen Gemälde, z. B. einem Rembrandt, nur temporär, mit einer leuchtenden, grellen Farbe, etwas zu ändern oder hinzuzufügen, weil es dem Kunstgeschmack heute entspricht. Niemand würde das tolerieren! Da zeigt es sich, dass das Gartenkunstwerk nur eingeschränkt als Kunstwerk geachtet wird.
Man kann in einem Garten meiner Ansicht nach gerne Kunstobjekte temporär aufstellen, wenn die Standorte unter Berücksichtigung der Inszenierungskonzepten des Gartenkunstwerkes ganz bewusst ausgesucht werden.

Wenn junge Menschen zu etwas werden wollen, müssen die Alten etwas beiseite treten …

Herr Dr. Modrow bei unserem Rundgang vor „Philemon und Baucis“. Wer jemals mit ihm einen Garten besuchen durfte, kennt ihn genau so!

GB: Sie sind für die Etablierung des Parkpflegewerks als Leitpfaden zur Pflege historischer Anlagen in Hessen verantwortlich. Bei der Analyse der historischen Horizonte kommt z. T. vieles zu Tage. Woher weiß man in Abstimmung mit Naturschutz, Finanzen und Lokalpolitik: Das ist jetzt die Zeit, die rekonstruiert werden soll. Klingt kniffelig.

BM: Das Instrument der Parkpflegewerke ist nicht von uns entwickelt worden. Es gab sie bereits in der DDR in Form von Parkpflegekonzepten oder denkmalpflegerischen Zielstellungen.
Eines der ersten Werke war dasjenige für Nordkirchen, von den Autoren Hennebo und Wörner. Unser erstes Vorhaben war der Park Biebrich, für den wir ein Parkpflegewerk erarbeiteten. Es erfolgte eine intensive Auseinandersetzung mit dem Objekt. Zunächst ist die Geschichte einer Anlage herauszuarbeiten, weiter der augenblickliche Zustand zu erheben sowie ein Ausblick zu geben, wohin sich dieser Park weiter entwickeln soll. Gestalterische Veränderungen werden dann nicht willkürlich vorgenommen, sondern sie unterliegen bestimmten, begründeten Zielen. Die Parkpflegewerke haben sich als Zielfindungswerke, aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht bewährt. Wir haben immer versucht, das Vorwort dieser Parkpflegewerke von dem jeweiligen Minister oder der Ministerin, die gerade im Amt waren, schreiben zu lassen. Dadurch war das Instrument des Parkpflegewerkes auch politisch abgesichert. Die notwendigen finanziellen Mittel für die Umsetzung waren somit leichter zu bekommen.
Das denkmalpflegerische Ziel selbst bildet sich aus der Geschichte heraus, indem man beurteilt, wann eine Hochzeit der Anlage, die letzte Blüte dieser Entwicklung war. Die Festlegung auf den bestimmten Zeitabschnitt ist selbst wiederum von dem gegenwärtigen Zeitgeist abhängig. Das ist ein Abwägungsprozess im Rahmen der Denkmalpflege. Natürlich findet auch ein Dialog mit den Bürgern statt, die meist keine Veränderungen wollen. Auch Bürgerinitiativen können eine Herausforderung sein, so dass es unbedingt notwendig ist, Aufklärungsarbeit zu betreiben.

GB: Gibt es dafür ein konkretes Beispiel aus ihrem Berufsleben?

BM: Ich denke da zum Beispiel an die Kastanien vor dem Bad Homburger Schloss, die in der Vergangenheit so gepflegt wurden, dass sie einfach geköpft und die Schnittstellen mit Beton und Blechdosen ausgestopft wurden. Oben ist dann die Fäulnis eingetreten, so dass diese Kastanien auszubrechen drohten. Der Zeitpunkt in den 90er-Jahren war gekommen, zu entscheiden, ob es sinnvoll ist, weiterhin Flickwerk zu betreiben oder aber eine Neupflanzung vorzunehmen. Nach Abstimmung mit dem Naturschutz und der Denkmalpflege wurde die Neupflanzung beschlossen. Die Bürger, die zunächst protestierten, wurden in den Entscheidungsprozess mit einbezogen. Ich betonte, dass es wichtig ist, auch für zukünftige Generationen Verantwortung zu übernehmen, indem wir jetzt neu pflanzen. Bei den Menschen ist das ähnlich: Wenn junge Menschen zu etwas werden wollen, müssen die Alten etwas beiseite treten …

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Eine von vielen Sitzgelegenheiten, die in diesem Garten zum verweilen einladen.

GB: Mit welcher Anlage verbinden Sie am meisten? Woran hängt ihr Herz?

BM: Alle Anlagen sind wichtig. Jeder Garten hat den ganz eigenen und besonderen Charakter. Seligenstadt als Klostergarten, in einem hervorragenden Pflegezustand, ist als formale Anlage einzigartig. Das so ganz andere Fürstenlager bildet auch heute noch einen weitgehend unbeeinflussten frühen Englischen Landschaftsgarten ab. Weilburg als die barocke Anlage, mit dem vorzüglichen Pflanzenbestand auf den Terrassen, den Orangerien und dem Gebück zur Lahn, ist unverwechselbar. Bad Homburg mit dem Landschaftspark, beeinflusst von der Lennéschen Schule, dem barocken Obergarten der Orangerie und den Kübelpflanzen ist geprägt durch die Zeit der Preußenkönige. Der Landschaftspark Wilhelmsbad ist wiederum so einmalig mit der Ruine. Die Karlsaue, Wilhelmsthal oder Lorsch, Biebrich … also jeder Park hat seinen Charakter und besitzt bestimmte Elemente, die für sich ansprechend sind.
Als großartiges Garten-Kunstwerk wurde die Wilhelmshöhe als Weltkulturerbe anerkannt. Ich bin stolz, dass ich an der Vorbereitung und Zielfindung über die lange Zeit hinweg mitwirken konnte.

GB: In den Seminaren, die ich bei Ihnen als Studentin besuchen durfte, klang es für mich immer an, dass Sie doch eine besondere Vorliebe für die Zeit der Aufklärung haben …

BM: Ja, das 18. Jahrhundert und damit der Landschaftsgarten haben es mir schon angetan. Aber ich stoße immer noch auf so ganz seltsame Aussagen. Neulich sprach ich zum Beispiel mit einem Paar, das war kurz zuvor in Potsdam gewesen. Ich fragte, wie ihnen Sanssouci gefallen habe. Sie antworteten, dass diese Terrassen ja schön gewesen seien, aber in dem anderen Teil sei ja eigentlich gar nichts passiert, dort würde auch gar nicht richtig gepflegt … Das war alles und da dachte ich, dass es immer noch so ist, dass man meint, der Landschaftsgarten entwickele sich von selbst; da sei nicht so viel zu tun. Die Pflanzen wachsen von alleine und dann müsse man mal ab und an den Rasen mähen und alles wäre fertig. Wenn ich aber erkläre, dass im Landschaftsgarten auch alles künstlich ist, dass man die Hand des Gärtners aber nicht erkennen soll, und der Baum wird nicht irgendwo gepflanzt sondern genau an der definierten Stelle … Ich bin immer wieder erstaunt, wie gering der Bekanntheitsgrad von Gartenkunst ist. Bei meinen Musikerfreunden hier auf der Insel und in Berlin ist es anders. Hier ist ein besonderes Gefühl für Gärten vorhanden. Wir besuchen gemeinsam auch historische Gärten und Parks. Gerade waren wir in Wilhelmshöhe. Die Künste Musik und Garten harmonisieren miteinander, besonders im Landschaftsgarten, wo die Gefühle eine Bedeutung haben.

Ich war überrascht, wie viele Privatpersonen in Frankreich, Italien und auch Spanien Schlösser und Gärten besitzen, ohne dass sie der Öffentlichkeit zugänglich sind.

GB: Meinen Sie in anderen Ländern, z. B. England oder den Niederlanden, ist das Bewusstsein für Gärten größer?

BM: Man sagt, in England gäbe es ein anderes Gefühl für die Gärten. Das ist vielleicht auch durch die Tatsache begründet, dass es den National Trust gibt. Die einst privaten Gärten und Parks werden in hervorragender Weise als Gartendenkmale gepflegt und restauriert. Das Klima spielt sicher auch eine Rolle. In den Niederlanden kenne ich mich nicht aus. In Frankreich und Italien ist es wohl mehr die gebildete und wohlhabende Schicht, die sich für Gartenkunst begeistert. Ich war vor zwei Jahren in Frankreich einer Einladung einer Privatperson zu einer Tagung gefolgt, die ein Renaissanceschloss und einen terrassierten Renaissancegarten besitzt. Ich war überrascht, wie viele Privatpersonen in Frankreich, Italien und auch Spanien Schlösser und Gärten besitzen, ohne dass sie der Öffentlichkeit zugänglich sind. Ich glaube, deshalb ist das Interesse für Gärten auch bei weniger betuchten Menschen in diesen Ländern nicht so groß. Bei uns in Deutschland, hatte ich, als ich meine Tätigkeit in Bad Homburg begann, gedacht, dass sich die Gartenkunst und die Gartendenkmalpflege stark im Aufwind befinden. Zurzeit ist aber wieder festzustellen, dass die Denkmalpflege allgemein eher abgewertet wird. Sie wird heute vielfach als ein Hindernis für manche Dinge angesehen. Hier in Mecklenburg-Vorpommern gibt es inzwischen nur noch eine halbe Stelle für die Gartendenkmalpflege – die andere Hälfte ist eine Professur an der Hochschule Neubrandenburg – für das ganze Land und dies angesichts einer Fülle von Gartenkunstwerken, besonders in Form der alten Gutsparks, die vielfach auf Lenné und die Lenné-Meyersche Schule zurückgehen.

GB: Wissen Sie, wie sich die Gartendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern stattdessen organisiert? Stellt man z. B. Landschaftsarchitekten auf Projektbasis ein?

BM: Auch in diesem Bundesland wurde nach der Wende eine Schlösser- und Gärtenverwaltung eingerichtet. Sie ist noch im Aufbau, mit einigen in der Gartenkunst und Denkmale qualifizierten Mitarbeitern. Diese sind aber nur für ihre Objekte zuständig. Planungsaufträge werden an freie Landschaftsarchitekten und Garten-Landschaftsbaufirmen vergeben. Es wurde in den letzten Jahren in Ludwigslust, Schwerin, Bothmer und in beeindruckender Weise in Wiligrad restauriert. Der Renaissancegarten in Güstrow wurde vor 10 Jahren als Denkmal der DDR-Geschichte wieder hergestellt. Hohenzieritz, einer der am hervorragendsten erhaltenen englischen Landschaftsgärten außerhalb Englands, mit einem Aha, wurde in den letzten Jahren mit großem finanziellen Aufwand restauriert.
An der Hochschule Neubrandenburg ist eine halbe Professoren-Stelle für Gartenkunst besetzt. Im Lande sind mehrere Landschaftsarchitekten, die sich im Bereich der Gartendenkmalpflege qualifizierten und hervorragende Arbeit leisten. Die DGGL und die Stralsunder Akademie für Garten-und Landschaftskultur organisieren Tagungen und Fortbildungen. Angesichts der Fülle von Gartenkunstwerken, insbesondere der Hunderte von Gutsparks in Mecklenburg-Vorpommern, besteht noch ein großes Aufgabengebiet für die Gartendenkmalpflege, das zu füllen wäre.

Diese Sitzgruppe wird durch eine Mauer aus den Schindeln des ehemaligen Daches umarmt. Selfmade, selbstverständlich.

GB: Wie sind Sie das Projekt Privatgarten angegangen? Haben Sie sich durch die historischen Quellen von Sckell, Meyer oder Pückler inspirieren lassen?

BM: Erstmal hab ich vom zukünftigen Garten eine Skizze angefertigt, noch von Bad Homburg aus, wie ich mir das so im Groben vorstelle: mit geschwungenen Wegen, keine Gerade, mit einem Teich, Wasser musste dabei sein. Damals gab es noch eine Lichtpausanstalt in der Luisenstraße und da habe ich mir diesen Plan pausen lassen. Den malte ich dann bunt und bin voller Stolz wieder auf die Insel Usedom gefahren, um an die schrittweise Umsetzung zu gehen.
Bei meiner Planung inspiriert gewesen zu sein von Sckell und Pückler oder Lenné ist sicher zu hochtrabend. Es sollte schon eine landschaftliche Gestaltung werden mit einer gewissen Bodenmodellierung, dem Aussichtshügel, auf dem ein Bilderrahmen den Blick zum Gothensee lenkt und natürlich Wasserflächen in Form von zwei Teichen und einem kurzen Bachlauf. Die Carpinus-Säulen habe ich dann allerdings quer in den Raum gestellt. Es soll eine Blickachse sein, die aber nicht in etwas hineinführt, sondern den unteren mit dem oberen Teil des lang gestreckten Gartens verbindet.
In meinem Garten habe ich vieles gelernt, beim Anlegen des Gartens, beim Pflanzen und beim Betreuen des Gepflanzten. Ich hatte zwar einst eine Landschaftsgärtnerlehre gemacht, aber das war doch schon einige Jahre her. Mir wurde zunehmend klar, dass man, wenn man so ein Amt wie das des Gartendirektors innehat, im Vorfeld viele Jahre als Gärtner hätte tätig gewesen sein sollen. Wobei die Theorie und die Praxis trotzdem in meiner Zeit bei der Schlösserverwaltung sehr gut ineinander griffen. Wenn ich nur bedenke, wie wir in Seligenstadt herausfanden, dass es eigentlich ein Gemüsegarten gewesen war … Niemand konnte sich das recht vorstellen, auch der Gartenmeister Herr Krienke nicht. Dann sind wir damals nach Villandry gefahren. Wir bekamen dort eine Führung von der Besitzerin dieser Anlage. Drei Tage haben wir uns dort aufgehalten, haben mit dem zuständigen Gärtnermeister gesprochen und Herr Krienke fand das plötzlich toll. Auf Eigeninitiative haben die Gärtner aus Seligenstadt dann nochmal einen Betriebsausflug dahin gemacht.
So war es auch mit Herrn Jagenteufel im Prinz-Georg-Garten oder dem Fürstenlager. Auch hier wurden unvergleichliche Gärten wiederhergestellt bzw. restauriert. Und dies war nur möglich mit hervorragenden Mitarbeitern, die offen waren für Veränderungen.

Es kommt einfach darauf an, beachtet und geschätzt zu werden.

GB: Das heißt, Sie hatten ein gutes Händchen bei der Personalauswahl …

BM: Ich glaube, es ist ganz wichtig, die Fähigkeiten eines Menschen zu erkennen; dann ist vieles möglich. Ich suchte zum Beispiel ganz dringend einen technischen Zeichner, und es hieß, dafür gäbe es keine Stelle. Irgendwann kam eine Meldung von der Personalabteilung, da sei ein technischer Zeichner kurz vor der Rente, 63 Jahre alt, Rumäne, der bislang Lastwagen gezeichnet habe. Da dachte ich: besser als nichts. Er kam zu uns und wir haben ihn an einen unserer Gartenpläne heran gesetzt, der umgezeichnet werden sollte. Er war einige Jahre bei uns mit großer Begeisterung und Akribie. Die Pläne liegen alle in der Gartenabteilung. Wir haben uns zwar nicht viel unterhalten, weil er kaum deutsch sprach, aber er und wir waren zufrieden.
Ich denke aber auch an ein ganz anderes Beispiel: Geburtstag mit den Kindern. Da war ein Junge dabei, der hat nur rumgemotzt und die anderen Kinder beim Spielen gestört. Ich bin hingegangen und habe mich ganz direkt mit ihm beschäftigt. Nun wurde er beachtet und in dem Moment war es gut.
Es kommt einfach darauf an, beachtet und geschätzt zu werden.

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Der Übergang von Terrasse zur Orangerie, flankiert von einer ansehnlichen Zahl Citrus. (Foto: Dr. Bernd Modrow)

GB: Ihr liebster Ort im Garten?

BM: Ganz besonders stolz bin ich auf die im letzten Jahr fertiggestellte Mauer aus Kopfsteinen und meine „Orangerie“. Als die Straße vor dem Haus aufgehoben wurde, erwarb ich 8 Tonnen Steine, die nun schon 5 Jahre im Vorgarten lagerten. Ich fand in der Nähe Garten-Landschaftsbauer, die Steinarbeiten beherrschten, wie ich sie mir vorstellte. An die Mauer wurde das Glashaus, das als Überwinterungshaus dient, angelehnt. Meine „Orangerie“ zur Überwinterung meiner Zitrus und weiterer frostempfindlicher Pflanzen ist natürlich auch ein wunderbarer Ort zum Aufenthalt. Von hier aus hat man den schönsten Blick in den Garten. Wenn ich mich irgendwann mal mit einem Rollstuhl bewege, würde ich hier gerne sitzen wollen und bräuchte eigentlich nicht viel mehr. Es gibt noch einen anderen Blick über die Felder, der ist auch sehr schön, aber hier wird der Blick nach außen gelenkt.

GB: Herr Dr. Modrow. Butter bei die Fische. Ihr Lieblingsgärtner?

BM: (überlegt lange) Ich pendle immer zwischen Sckell und Lenné …

GB: Welches Buch war für Sie als Gestalter besonders wichtig? Welches Buch als Gartendenkmalpfleger?

BM: Die „Andeutungen über die Landschaftsgärtnerei“ von Pückler sind bedeutungsvoll. Wie er beschreibt, wie Wege zu sein haben, wie Pflanzungen und Teiche angelegt werden sollen, wie die Wasserfälle gemacht werden, wie die Wegeführung verläuft. Natürlich habe ich auch die Bücher von Dezallier d’Argenville, von Sckell oder Mayer und viele mehr gelesen und verarbeitet. Aber Pückler faszinierte mich. Wenn man dann nach Bad Muskau kommt und mit diesen Pücklerschen Gedanken durch den Park geht, kann man vieles wiedererkennen.
Mein Sohn hat mir kürzlich ein Buch von Andrew Wilson geschenkt über die zeitlos, modernen Gärten des Luciano Giubbilei. Es sind sehr pflegeintensive Gärten. Man muss aufpassen, dass sie nicht zu steril wirken. Grundsätzlich gefallen mir die klaren Formen gut, aber auch der „New German Style“ mit Stauden und Gräsern … toll!

GB: Also interessieren Sie sich auch für zeitgenössische Gartengestaltung?

BM: Ich beschäftige mich nur am Rande damit. Auch blicke ich gelegentlich in die Zeitschrift Gartendesign. Mich wundert es, dass von Gartendesign gesprochen wird, nicht von Landschaftsarchitektur.

GB: Letzte Frage: Ihr Lieblingswerkzeug derzeit?

BM: Schon die Schere … die Axt müsste kommen … aber es ist schon schwierig, das was man gepflanzt hat, weg zu machen.

GB: Echt? Finde ich gar nicht…

BM: Das hängt auch mit dem Alter zusammen. Als ich jung war, habe ich mit Begeisterung Bäume gefällt. Sckell hat auch gesagt, als er älter wurde: Hüte mir diese alten, ehrwürdigen Bäume! Zum Beispiel diese beiden Kiefern hier, vor der Mauer, die fand ich vor 8 Jahren am Strand in Bansin, als sie nur an einer Wurzel an der Steilküste hingen. Ich habe sie im Februar abgenommen und in den Komposthaufen gesetzt, um sie im Frühjahr zu pflanzen. Es gibt Bildreihen, wie diese Bäume hier über die Jahre gewachsen sind …

GB: Lieber Herr Modrow! Es war wirklich sehr schön bei Ihnen. Vielen Dank für das Gespräch und einen wunderbaren Tag gemeinsam mit Ihnen auf Usedom.

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